Besuch in Bucklebury

Kates schöne alte Welt

Rings um London gruppieren sich die Home Counties, das sind die bevorzugten Grafschaften für die Schichten des mittleren bis gehobenen Wohlstandes. Viele dieser Counties enden mit dem Suffix -shire, wie Buckinghamshire, Berkshire, Hampshire, Wiltshire, Hertfordshire, Oxfordshire oder Cambridgeshire.

Man nennt sie daher auch gerne die "Shires", und in einer davon, in Berkshire, weniger als eine Autostunde westlich von London, liegt die Heimat der Familie Middleton. Genauer gesagt: in West Berkshire, über die Stadt Reading hinaus, wo das Land hügelig zu werden beginnt und das Auge sich im lichten Grün des dampfenden Spätfrühjahrs an dem pastoralen Frieden ringsum nicht satt sehen kann.

West Berkshire heißt heute "Kate Middleton Country", denn in Bucklebury, inmitten dieser ondulierten Parklandschaft, wurde Großbritanniens übernächste Königin geboren, im Januar 1982. In drei Tagen, am 29. April, wird aus Ms. Middleton Princess Catherine, und mehr noch: Ein Adelstitel kommt hinzu, wie üblich, wenn Royals heiraten. Bei William und Catherine tippt man auf den Duke und die Duchess of Cambridge, einen Titel, der seit 1904 nicht mehr vergeben worden ist.

Die Eltern von Kate, beide ursprünglich im Flugbereich tätig - er nach einer Pilotenlaufbahn als sogenannter Flight Dispatcher, sie als Stewardess -, waren der Sehnsucht des Städters gefolgt, dem Moloch der Industriewelt zu entrinnen und sich in der Idylle der "Countryside" neu zu verwurzeln. Und ein Unternehmen zu gründen, "Party Pieces", zur Belieferung von Kindergeburtstagen mit Allotria.

Bucklebury, das sich in vier unterschiedlich benannte Flecken über das gewellte Terrain hinweg verteilt, erreicht man von Osten kommend zunächst über den Ortsteil Chapel Row. Dort nimmt sofort ein einzigartiger Anblick den Besucher gefangen: eine endlose Allee Eichen, gepflanzt im 16. Jahrhundert zu Ehren von Königin Elizabeth I., nachdem diese der Gegend einen Besuch abgestattet hatte. Irgendwo dort biegt der Weg zum Anwesen der Middletons ab, nach Stanford Dingley, wie ihr Ortsteil von Bucklebury heißt. Da ist jetzt aber kein Durchkommen mehr, die Polizei hat alles weiträumig abgesperrt, wie zu erwarten.

Stanford Dingley, Chapel Row, Upper Bucklebury, Bucklebury - der uneingeweihte Reisende findet erst gar nicht, was er sucht, etwa ein kommerzielles Zentrum. Man steuert daher zur Sicherheit erst einmal auf den Ortsteil Bucklebury selbst zu und stößt dort auf das Juwel einer Dorfkirche aus normannischer Zeit, dem 12. Jahrhundert; sie ist der Jungfrau Maria geweiht.

Miss Middleton? "Zum Anbeißen"

Die Middletons sind freilich keine ausgesprochen religiöse Familie, man mag es daran ablesen, dass der Vikar der Kirche, der Reverend Jules Gadsby, keine Einladung zur der Trauung am 29. April in der Westminsterabtei erhalten hat. Er scheint der Familie nicht besonders nahezustehen, oder sie ihm und dem Gemeindeleben. Kates Konfirmation zum Beispiel wurde in ihren Teenagerjahren ausgelassen und erst vor sechs Wochen nachgeholt. Es empfiehlt sich nicht, das künftige Oberhaupt der englischen Staatskirche zu heiraten und nicht konfirmiert zu sein.

Zurück also nach Chapel Row, da muss sich doch eine Spur der Middletons finden lassen. In der Tat: Der "Bladebone"-Pub, ein Shop "L. Interiors" mit erlesenen Accessoires für Innenausstattungen sowie der örtliche Fleischer Martin Fidler und Frau; das ist auch schon alles. Bei Letzteren wird man dann endlich fündig - schließlich haben die Fidlers schon vor 34 Jahren ihr Geschäft gekauft und konnten die drei Kinder der Middletons heranwachsen und das Unternehmen expandieren sehen. Mr. Fidler hat an einer Wand des Ladens die Trophäen seiner Jagdleidenschaft hängen - Rehgeweihe, Fasane, einen ausgestopften Hasen, wovon er mehr zu erzählen bereit ist als von den Middletons. Ein Mantel der Diskretion umgibt diesen Ort, was nicht nur mit der Schweigepflicht zu tun hat, die man offenbar den persönlichen Bucklebury-Freunden der Familie, die eine Einladung zur Westminsterabtei erhalten haben, auferlegt hat. Es spielt auch so etwas wie natürliche Zurückhaltung mit hinein, das nachbarliche Netz, eng geknüpft, das nicht zugänglich ist für die neugierigen Fragen der Medien.

Die haben das Ehepaar Fidler seit Wochen schon auszuquetschen versucht, doch vergeblich. "Ich mische mich nicht in anderer Leute Angelegenheiten ein", lautet Martin Fidlers stereotype Antwort. Was er meint, ist: Ich werde doch nicht meine Freundschaft mit den Verwandten des übernächsten Königs von England um ein paar dummer Presseleute wegen riskieren. Das Lob der Middletons als einer mustergültigen "lovely family" kann man singen, so weit geht das Entgegenkommen gegenüber den Medien gerade noch. Und Mrs. Fidler gibt sich sogar her, Kate "scrumptious" zu nennen, was man von jungen Frauen sagt, die zum Anbeißen wohlgeraten sind. Damit aber auch Schluss, "ich muss weitermachen, sorry".

Ähnlich hält es in Stanford Dingley John Haley, der Wirt des "Boot Inn". John hat sich zuletzt geradezu verbarrikadiert vor den Medien, lässt sich ständig verleugnen, denn auch er gehört zu den paar Auserwählten, die zur Trauung in die Westminsterabtei eingeladen wurden, neben den Fidlers, dem Postboten, einem Pächter-Ehepaar im Spar-Laden von Upper Bucklebury sowie unmittelbaren Nachbarn der Middletons. Den Bürgermeister sucht man in dieser Liste vergeblich, auf Funktionsträger kommt es der Familie nicht vordringlich an, Freundschaften sind ihnen wichtiger.

Wie nannte doch der Erzbischof von Canterbury, der am 29. April die Trauung vornehmen wird, das Brautpaar? "Unprätentiös, sensibel, realistisch." Mit diesen Worten im Ohr und dem Anblick der mit Eichen gesegneten Parklandschaft von West Berkshire vor Augen steuert der Besucher gen London zurück, überzeugt, dass auf die vielfach gebeutelte britische Königsfamilie mit Prinz William und seiner Catherine ein hoffnungsvolles Kapitel zukommen wird.