Kriminalität

Long Island sucht einen Serienmörder

Als eine junge Frau in Panik die Stufen zu seinem Haus hoch läuft, steht Gustav "Gus" Coletti im Bad und rasiert sich. Es ist früh, gerade mal fünf Uhr, und draußen ist es noch dunkel. Seine Frau und er sind schon aufgestanden, da sie zum Antikmarkt nach Rhinebeck fahren wollen.

Da hört Gus Coletti jemanden an die Tür hämmern. Draußen steht eine Frau. Sie ist vielleicht Mitte 20, klein, schmal, hat hellbraune Haare, riesige, weit aufgerissene Augen und trägt nur ein Unterhemd am Leib. Betrunken sei sie gewesen, sagt Gus Coletti, wenn nicht gar auf Drogen. "Help me, help me", soll sie gerufen haben. Er lässt sie herein, wählt 911, die Nummer der Polizei. Das ist der Zeitpunkt, ab dem Gus Coletti die Geschichte entgleitet, ab dem nichts mehr einen Sinn ergibt.

Anstatt in seinem Haus auf die Polizei zu warten, rennt die junge Frau hinaus. Gus Coletti sieht sie die Straße entlanglaufen, weg von der Wohnsiedlung und weg von dem silbergrauen Geländewagen, der plötzlich auftaucht. Ein "Asian guy" (Asiate) habe am Steuer gesessen, sagt er, vielleicht ihr Zuhälter.

Was danach mit Shannan Gilbert passiert ist, darüber rätselt die Polizei bis heute. Seit dem 1. Mai vergangenen Jahres ist sie verschwunden. Der letzte Mensch, der die Frau lebend gesehen hat, ist Gus Coletti. 75 Jahre ist er alt. Rentner, Taubennarr und Eigenbrötler. Fremde hat er nicht gern in seiner Wohnsiedlung Oak Beach am Strand von Long Island, die mit einer Schranke vor Zudringlichen geschützt ist. Nur wer den Code kennt, kann mit dem Auto hineinfahren. Was er macht, wenn er dort jemanden sieht, den er nicht kennt? "Den jagen wir erst mal", sagt Gus Coletti, und es soll ein Scherz sein. Doch was ist schon ein Scherz in diesem Drama, das Long Island in Bann hält.

Shannan Gilbert ist bis heute nicht aufgetaucht. Stattdessen entdecken Polizisten bei ihrer Suche immer mehr Hinweise auf grauenvolle Verbrechen, die sich auf der Halbinsel vor New York abgespielt haben müssen. Verweste Leichen, Schädelknochen und abgetrennte Körperteile lagen im Gebüsch verstreut. Die Polizisten haben mittlerweile die Überreste von zehn menschlichen Körpern gefunden, wie es in der Gerichtssprache heißt. Ein Serienkiller treibt sich dort draußen am Meer herum - vermutlich schon seit Jahren. Doch wer er ist und wie er aussieht, weiß niemand.

Einsam und leer ist es auf der Insel

Einsam ist es hier um diese Jahreszeit. Der Frühling ist spät dran in diesem Jahr, die Strände sind leer. New York ist nur eine gute Stunde mit dem Auto entfernt. Tausende kommen im Sommer hierher an den Atlantik, um der Hitze der Großstadt zu entfliehen. Sie fürchten jetzt, dass ihnen wieder ein "Summer of Sam" bevorsteht. So nennen die New Yorker den Sommer des Jahres 1977, als der Serienmörder David Berkowitz das Leben in der Stadt, die niemals schläft, zum Stillstand brachte. In seinen Bekennerbriefen nannte er sich "Son of Sam", also Sohn des Sam. Er fühlte sich vom Teufel besessen und habe daher die Menschen getötet, behauptete die Polizei und schloss den Fall mit seiner Verhaftung ab. Doch viele New Yorker bezweifeln, dass er der einzige Mörder war.

Auch heute glauben viele auf Long Island, dass nicht nur ein Verrückter vor ihrer Haustür umherschleicht.

Dass jetzt all diese Leichenteile und Knochenreste auftauchen, liegt an Shannan Gilbert. Sie war ein Craigslist-Girl. So nennt man die Mädchen, die ihre Dienste über die Internetseite Craigslist anbieten, auf der andere Leute eine Wohnung suchen oder ihr Sofa verkaufen. Dort wurde Joe Brewer auf sie aufmerksam. Ihm gefiel, was er sah, und er bestellte Shannan Gilbert zu einer Party am 30. April vergangenen Jahres nach Oak Beach. In dieser Nacht muss etwas passiert sein, was Shannan Gilbert verstört, was sie so sehr erschreckt hat, dass sie aus dem Haus mit den grauen Holzschindeln lief, vorbei an der Schaukel im Garten, den zerbrochenen Keramiktöpfen in der Einfahrt und weiter bis zur Tür von Gus Coletti.

Vier Häuser liegen zwischen den beiden. Hatte sie vorher an den anderen Türen geklopft, aber keiner hatte ihr aufgemacht? Ihre Mutter erzählt, dass die Tochter sie anrief und sagte, dass "er" sie umbringen wolle. Aber wieso verließ sie dann das vermeintlich sichere Haus des Ehepaars Coletti, um dem Täter in die Arme zu laufen? Gus Coletti steht vor seinem Haus und zeigt auf die Kurve, hinter der er Shannan Gilbert hat verschwinden sehen. Wieso sie aus seinem Haus rannte, kann er nicht erklären. "Vielleicht ist sie an den Strand gelaufen und auf dem Felsen ausgerutscht", sagt er. "Sie könnte auch ertrunken sein."

Im Sommer vergangenen Jahres hatte die Polizei die Suche nach Shannan Gilbert aufgegeben. Dass sie nun wieder von vorne anfing, liegt an ihrer Familie. Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass die 24-Jährige verschwunden ist. Ein einflussreicher Freund hat für sie Druck auf die Justiz ausgeübt. Im Dezember durchsuchten Polizisten daher erneut bei Oak Beach das dichte Gestrüpp zwischen Strand und Straße. An vier Stellen fanden sie Leinensäcke mit halb verwesten Körperteilen. Sie lagen jeweils etwa fünf bis zehn Meter von der Straße entfernt. Vermutlich ist der Täter nicht einmal aus dem Auto gestiegen, sondern hat die Beutel einfach ins Gestrüpp geworfen, das hier mannshoch wuchert. Die Polizei hat Schneisen zu den Fundstellen geschlagen und sie mit Pfeilen auf dem Asphalt gekennzeichnet. Andernfalls wäre es fast unmöglich, sich durch das enge Netz aus Zweigen zu ihnen vorzukämpfen.

Keine der vier Leichen war Shannan Gilbert. Doch auch sie waren Craigslist-Girls, die an den falschen Kunden geraten waren. Spürhunde sind am Strand unterwegs. Taucher suchen im Wasser nach der Vermissten. Vergangene Woche schickte das FBI einen Hubschrauber, der das Gebiet langsam überflog und mit einer speziellen Kamera nach Hinweisen auf weitere Leichen suchte.

Stammt der Serienkiller von hier?

Dabei wird der Fall zunehmend bizarr. Denn die Polizisten finden tatsächlich immer mehr Überreste von Menschen. Zwischen ihnen lässt sich aber mit Ausnahme der vier Prostituierten keine Verbindung herstellen. Kann es hier draußen also jetzt jeden treffen? Oder wurden die Menschen woanders ermordet und dann an diesem Strandabschnitt einfach so "entsorgt"?

"Hier treiben sich manchmal seltsame Gestalten herum", sagt Anwohner Walter Arnold. 70 Häuser gehören zu seiner Siedlung West Gilgo Beach. Doch nur 20 von ihnen sind das ganze Jahr über bewohnt. Der Rest sind Ferien- und Wochenendhäuser. Immer wieder wird eingebrochen; im Winter vor ein paar Jahren hatte es sich ein Eindringling für einige Wochen in einem der Häuser gemütlich gemacht.

Drei Mal muss man nachhaken, bis Walter Arnold auf die Frage eingeht, ob er sich hier draußen manchmal einsam fühlt. Statt einer Antwort ruft er beim ersten Mal seine Bulldogge Lola ins Wohnzimmer. Beim zweiten Mal erzählt er von seinem Teppichgeschäft, das gerade schlecht läuft. Beim dritten Mal sagt er schließlich: "Ja, manchmal sehe ich tagelang keinen Menschen außer meiner Frau."

Und wenn es einer aus den Siedlungen selbst war? Wieso sonst wurden die Leichenteile alle auf den paar Meilen rund um Tobay Beach und Gilgo Beach gefunden? Würden sie nicht viel weiter auseinanderliegen, wenn der Mörder von weit her gefahren wäre, um die Spuren seines Verbrechens zu beseitigen?

Vielleicht wird man hier draußen einfach misstrauisch. Es ist eine seltsame Welt, die sich die Bewohner in ihren Siedlungen errichtet haben. Einen Supermarkt gibt es nicht, erst recht keine Bar oder ein Restaurant. Dafür hängt an der Kapelle unklarer Glaubensrichtung eine Kamera, die den Eingang filmt. Polizei oder Feuerwehr brauchen 45 Minuten, um hierherzukommen. Die Bewohner passen in diesen abgeschirmten Siedlungen gegenseitig auf sich auf. Nur sicherer fühlt man sich dadurch auch nicht unbedingt.

Gus Coletti beunruhigt der Serienkiller nicht. "Ich bin 75, was soll mir da noch passieren?", sagt er. Seinen Nachbar Joe Brewer, von dessen Party Shannan Gilbert geflohen ist, hat Gus Coletti lange nicht mehr gesehen. Vor Monaten schon ist er mit seiner Frau und dem Kind zu seiner Mutter nach West Islip gezogen. Sein Geld verdient er mit Immobiliengeschäften und Alkoholhandel. Die Polizei hat ihn verhört, aber laufen lassen.

Die vier Frauen, deren Körperteile man in Leinensäcken fand, hießen Megan Waterman, Melissa Barthelemy, Maureen Brainard-Barnes und Amber Lynn Costello. Die anderen Überreste, die am Strand von Long Island lagen, gehören zu Seelen ohne Namen. Zumindest hat die Polizei auch zu ihnen bislang nichts preisgegeben.

Shannan Gilberts Mutter sagt, dass sie froh für jede Familie sei, die jetzt Gewissheit über den Verbleib ihres Kindes habe. Sie selbst wartet darauf bis heute.