Interview: Linda Zervakis

Und nun zu den Nachrichten

Linda Zervakis wird als neues Gesicht der "Tagesschau" gehandelt. Die 35-Jährige erprobte sich Freitag im Nachrichtenblock der "Tagesthemen" - mit Erfolg. Im Interview spricht Zervakis über den richtigen Umgang mit Pannen und die Herausforderung, immer die passende Bluse zu tragen. Mit ihr sprach Maria Baufeld.

Berliner Morgenpost: Frau Zervakis, wie haben Sie die Aufregung vor Ihrer Premiere bekämpft?

Linda Zervakis: Mein Herz hat schon kräftig gepumpt, da musste ich einige Male ganz tief ausatmen.

Berliner Morgenpost: Es hat sich ausgezahlt, Sie blieben ohne jeden Versprecher. Aber falls künftig etwas schiefgehen sollte, hätten Sie einen Auftritt in den Pannenshows und Jahresrückblicken sicher.

Linda Zervakis: Ich hoffe, dass mir arge Patzer erspart bleiben. Die Putzkolonne kommt immer morgens. Von daher kann mir eine Panne, wie sie Susanne Daubner erlebte, erst mal nicht passieren.

Berliner Morgenpost: Damals erschien mitten in der Sendung eine Reinigungskraft und grüßte fröhlich "Guten Morgen". Solche Vorfälle, die nichts mit der eigenen Kompetenz zu tun haben, sind doch die besten. Finden Sie nicht?

Linda Zervakis: Sicher, aber ich wäre in diesem Moment einfach vor Lachen zusammengebrochen. Man muss es Susanne Daubner hoch anrechnen, dass sie ihre Moderation so souverän fortgesetzt hat.

Berliner Morgenpost: Eine kleine Panne haben Sie schon erlebt, als Sie noch mit einem Techniker sprachen, obwohl Sie schon wieder auf Sendung waren - da reagierten Sie absolut unaufgeregt.

Linda Zervakis: Ja, doch. Und ich finde es tatsächlich, sofern es im Rahmen bleibt, ganz lustig. Im Normalfall geht ja immer alles einfach seinen Lauf. Da freut man sich doch, wenn mal etwas Lustiges passiert und du dich beweisen kannst.

Berliner Morgenpost: Im Alter von 19 Jahren fingen Sie als Werbetexterin an, landeten später beim Radio. Das klingt nicht nach einer geradlinigen Karriereplanung.

Linda Zervakis: Nach dem Abitur dachte ich: Und jetzt? Ich wollte irgendetwas mit Medien machen und angewandte Kulturwissenschaften studieren. Aber es klappte nicht sofort. Deshalb habe ich ein Praktikum bei einer Werbeagentur absolviert. Als Kundenbetreuerin merkte ich allerdings schnell: Das ist nichts für mich. In der Kantine habe ich den Textleuten mein Leid geklagt, und die gaben mir immer wieder kleine Aufgaben, nach dem Motto: "Wenn du das wuppst, dann schauen wir mal, ob wir für dich etwas machen können." Als wir einen Etat der "Bild am Sonntag" gewannen, gab es eine Stelle für mich. Allerdings stellte ich nach zwei Jahren mit 14-Stunden-Tagen fest: Das kann es nicht sein. Doch mit der Uni klappte es wieder nicht. Ich wollte meine Mutter nicht mit ihrem Kiosk alleinlassen. Für das Studium hätte ich nach Berlin ziehen müssen.

Berliner Morgenpost: Obwohl Sie einmal angegeben haben, dass Sie als Tochter von griechischen Einwanderern Angst hatten, nicht aus Hamburg-Harburg herauszukommen. Sie beschrieben sich deshalb als sehr zielstrebig. Ein Widerspruch?

Linda Zervakis: Das stimmt, aber beides ist eben richtig. Ich bin chaotisch, aber trotzdem zielstrebig. Ich hatte immer eine Stimme im Bauch, die mich vorantrieb und mir sagte: "Vertrau mal auf dich." Als ich in Hamburg blieb, nahm ich mir deshalb vor: "Dafür machst du jetzt etwas, worauf du richtig Lust hast und wo du eine Perspektive siehst." Dann habe ich mich beim Radio beworben und erste Moderationserfahrungen gesammelt.

Berliner Morgenpost: Wie kamen Sie zum Fernsehen?

Linda Zervakis: Ich habe schnell gemerkt, dass ich eigentlich zum Fernsehen will. Doch zunächst habe ich mich nicht so richtig getraut. Irgendwann landete ich bei einem Talkshow-Format von Schwartzkopff TV. Das klappte ganz gut, denn der tägliche Umgang mit Menschen im Kiosk war eine wunderbare Schule. Doch bald hatte ich wieder das Gefühl: Das ist es nicht. Nach dem Wechsel zum NDR ging es dann immer weiter - von N-Joy bis zum "Schleswig-Holstein-Magazin".

Berliner Morgenpost: Nach der ersten Frau, der ersten Blondine und der ersten Blondine mit Brille sind Sie jetzt die erste Sprecherin mit Migrationshintergrund. Erfüllt Sie das mit Stolz?

Linda Zervakis: Nein, das spielt für mich keine Rolle. Ich bin keine Alibi-Migrantin der ARD - und ich glaube auch, dass meine Chefs das nicht so sehen. Ich würde es ganz schlimm finden, sollten die Leute denken, dass ich den Job nur habe, weil die ARD jetzt eine Migrantin brauchte.

Berliner Morgenpost: Sie verrieten einmal, Ihre Mutter fühle sich noch immer nicht ganz wohl in Deutschland. Außerdem engagieren Sie sich für das Integrationsprojekt "Step by Step". Ganz losgelassen hat Sie das Thema also nicht.

Linda Zervakis: Es liegt mir am Herzen, und es macht auch Spaß, als Schirmherrin von solchen Projekten als eine Art Vorbild zu fungieren. Es ist mir sehr wichtig, zu zeigen: Diese Gesellschaft bietet viele Chancen. Aber man muss eben auch viel dafür tun.

Berliner Morgenpost: Mit der Präsenz in den deutschen Wohnzimmern wird sich auch Ihr Bekanntheitsgrad enorm steigern. Haben Sie sich auf die Rolle als öffentliche Person vorbereitet?

Linda Zervakis: Ich bin mir dessen bewusst, aber ich kann es mir schwer vorstellen. Aber wenn man in der Öffentlichkeit steht, kann man nicht mehr sagen: Hey, was guckst du denn so? Solange mich niemand anfasst, bin ich zufrieden.

Berliner Morgenpost: Außerdem wird Ihr Aussehen gegenüber Ihrer journalistischen Kompetenz in den Vordergrund rücken.

Linda Zervakis: Es ist komisch, dass ich jetzt darauf achten muss, wie ich optisch rüberkomme. Mir wird in diesen Tagen klar, dass ich mir da einen Schutzpanzer umlegen muss, damit mögliche Debatten über meine Blusen oder meine Haare an mir abprallen. Ich habe auch zu viel Spaß am Leben, als dass ich mir jeden Tag über solche Kritik Gedanken machen möchte.