Kriminalität

Das wahre Gesicht des netten Nachbarn

Aufgefallen ist ihr Martin N. hin und wieder. Auch wegen seiner Statur, er ist 1,93 Meter groß. Ansonsten: bieder. 40 Jahre alt und seit Ewigkeiten Single. Ein netter Nachbar. Nein, Birte Renckmann kann es nicht fassen. Ein Serienmörder.

Hier in Wilstorf, einem beschaulichen Stadtteil ganz im Süden Hamburgs. Es läuft ihr, so sagt sie, noch immer kalt den Rücken herunter. Jahrelang hat er in ihrer Nähe und in der Nähe ihrer Kinder gewohnt. Vor allem das ist der Grund, der sie und viele Nachbarn erschaudern lässt. Hinter dem freundlichen Gesicht verbirgt sich ein Mensch, der mindestens drei Jungen entführte, missbrauchte und tötete. Fast zehn Jahre hatten ihn die Beamten der Sonderkommission "Dennis" gejagt, die nach einem seiner Opfer benannt wurde.

In dieser Woche, an einem frühen Morgen gegen 6.30 Uhr war die Jagd zu Ende. Vier Polizisten nahmen den Pädagogen auf offener Straße fest, kurz nachdem der seine Wohnung verlassen hatte. Es ist eine Wohnung im ersten Stock eines schmucklosen, zweigeschossigen Hauses, in das der gebürtige Bremer Martin N. vor über zehn Jahren gezogen war. Für die Vermieter, die das Erdgeschoss bewohnen, dürfte er so etwas wie ein "Wunschmieter" gewesen sein. Nett, höflich, hilfsbereit, intelligent. Fünf Sprachen spricht der Pädagoge, der auf Lehramt studierte.

Wie die "Spinne im Netz"

Und er "mochte" Kinder. Für sie hatte sich Martin N. immer besonders ins Zeug gelegt. Laut einem Bericht des "Spiegels" soll er früher mit der Betreuung von Pflegekindern betraut gewesen sein, sie stammten den Angaben zufolge aus sozial benachteiligten Familien und seien zur vorübergehenden Betreuung an ihn vermittelt worden. Als Jugendbetreuer begleitete er Kinder auf Ferienreisen. In Harburg war er bei der evangelischen Jugendhilfe einer der Betreuer, die sich um Kinder in Wohnprojekten kümmerten. Dass er dort wie eine "Spinne im Netz" saß, ahnte zunächst niemand. Dabei hatte er, so sein Geständnis, schon gemordet, bevor er nach Hamburg umzog.

Am 31. März entführte er den 13-jährigen Stefan J. aus einem Schlafraum im Internat Eichenschule in Scheeßel. Niemand hatte etwas bemerkt. Einen guten Monat später, Anfang Mai, wurde seine Leiche 40 Kilometer vom Internat entfernt in den Verdener Dünen gefunden. Die Hände des Jungen waren auf den Rücken gefesselt. Er war erstickt worden. Einen sexuellen Missbrauch hatten die Rechtsmediziner damals wegen der stark fortgeschrittenen Verwesung der Leiche nicht mehr feststellen können. Drei Jahre später ging Martin N. wieder auf Kinderjagd. Nun ist der achtjährige Dennis N. sein Opfer. Er verschwand am 24. Juli aus einen Zeltlager am Selker Moor in Schleswig-Holstein. Gut zwei Wochen später entdeckten Urlauber die Leiche des Jungen im 270 Kilometer entfernten Holstebro. In Dänemark. Martin N. hatte ihn dort in den Dünen vergraben.

Aus Hamburg zog Martin N. im Spätsommer 2001 los, um sich ein weiteres Opfer zu suchen. Er findet es im Schullandheim Wulsbüttel im Kreis Cuxhaven. Es ist der damals neun Jahre alte Dennis, den er am 5. September aus einem Schlafraum entführte. Die Polizei gründete sechs Tage später die Sonderkommission "Dennis", in der in Spitzenzeiten bis zu 40 Beamte arbeiteten. Dem Jungen, der aus dem niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck stammte, konnten sie nicht mehr helfen. Ein Pilzsammler fand die Leiche des Jungen am 20. September in einem Wald. Erst da zeichnete es sich ab, dass es die Polizei mit einem "Monster" zu tun hat. "In den folgenden Wochen, Monaten und Jahren wurde durch sehr aufwendige Fallanalysen immer deutlicher, dass die Ermittler einen Serientäter suchen, einen Mann, dem, beginnend im Jahre 1992, annähernd 40 angezeigte sexuelle Missbrauchstaten gegenüber Jungen und mehrere Tötungsdelikte zugerechnet werden können", heißt es von der Polizei.

Aus dem Umfeld von Martin N. ahnte niemand etwas. Der Pädagoge lebte sein Doppelleben perfekt. Im Stadtteil Wilstorf war er der nette, unauffällige Nachbar, der hin und wieder im Garten war und manchmal etwas "unbeholfen" wirkte, wie es eine Anwohnerin formuliert. Martin N. ging gern in Kneipen. "Er war hier öfters" erinnert sich die Bedienung einer Szenekneipe ganz in der Nähe. Nur mit Frauen hatte er es nicht. "Er ist halt überhaupt kein Frauentyp", so eine Nachbarin. Dass Martin N. gern mal Jungen zu sich einlud, die er als Betreuer kannte, entging fast seinem gesamten Umfeld.

Nur eine Mutter hatte einen Verdacht. Sie zeigte ihn an, weil er sich an zwei Kindern vergangen haben soll. Das Verfahren wurde schnell gegen eine Zahlung von 1800 Euro eingestellt.

Schon ein Jahr später hatte es Martin N. erneut mit der Justiz zu tun. Diesmal als Erpresser. Sein Opfer war ein "Pädagogen-Kollege" aus Berlin. 20 000 Euro wollte Martin N. von ihm haben. Sonst, so seine Drohung, würde er Kinderpornos, die der Mann gemacht haben soll, dessen Arbeitgeber zuspielen. Der informierte die Polizei. Als am 23. Februar 2006 das Geld im Hamburger Süden in einem Waldstück übergeben werden sollte, lauerten die Beamten einer Spezialeinheit vergebens. Martin N. hatte Verdacht geschöpft und war nicht an das Geld gegangen. Trotzdem wurde er überführt: zehn Monate Haft auf Bewährung. "Seitdem ist er nicht wieder in Erscheinung getreten", sagt Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers.

Ein Mann meldete sich bei der Polizei

"Er führte ein nach außen hin normales Leben", sagt auch Martin Erftenbeck, Leiter der Sonderkommission "Dennis". Sein Arbeitgeber erfuhr erst 2008 von der Erpressung mit den Kinderpornos. Martin N. verlor seine Stelle als Betreuer von Kindern. Dass er der "schwarze Mann" ist, der sich in schwarzer Motorradkleidung, mit einer schwarzen Sturmhaube maskiert, seine Opfer suchte, ahnte niemand. Nach Zeugenaussagen hatte die Soko eine entsprechende Phantomskizze gefertigt. Sie brachte zunächst nichts. Aber die Ermittler gaben nicht auf. Immer wieder suchten sie die Öffentlichkeit. Der entscheidende Hinweis kam vor neun Wochen nach einem erneuten Zeugenaufruf. Ein Mann, der als Junge von Martin N. betreut und später von einem maskierten Mann in seinem Kinderzimmer missbraucht wurde, stellte einen Zusammenhang her, der den Pädagogen verdächtig machte. Bis zu der Sendung mit dem Zeugenaufruf hatte der Mann keinen Zusammenhang gesehen. Er ging zur Soko. Die ermittelte, dass Martin N. 1995 in Dänemark ein Haus angemietet hatte, das ganz in der Nähe vom Fundort eines der ermordeten Jungen stand. Dass er pädophile Neigungen hatte, wusste man von kinderpornografischen Bildern, die bei früheren Ermittlungen auf seinem Computer gefunden wurden.

Schließlich observierten Beamte einer Spezialeinheit die Wohnung von Martin N., der zuletzt in der Erwachsenenbildung arbeitete und die Medizinisch-Psychologische Untersuchung machte, die Alkoholsünder bestehen müssen, um ihren Führerschein wiederzubekommen.

Und dann: Zugriff. Der Betreiber des nahen Kiosks erzählte es gestern so: "Plötzlich fuhr ein Wagen heran und blieb mit quietschenden Reifen vor ihm stehen. Dann sprangen vier Polizisten mit Pistolen heraus." Martin N. musste, auf dem Boden knieend, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, warten, bis ein Kleinbus kam, der ihn abtransportierte. "Völlig überrascht", sei der Pädagoge gewesen, hieß es aus den Reihen der Soko. In der anschließenden Vernehmung gestand Martin N., die drei Jungen entführt und getötet zu haben. "Aufgrund des Geständnisses hat die Staatsanwaltschaft Stade zunächst Haftbefehl wegen des dringenden Tatverdachts der Ermordung von Stefan J., Dennis R. und Dennis K. sowie wegen sexuellen Missbrauchs von zwei weiteren Jungen beantragt", heißt es in einer Mitteilung.

Für die Beamten der Sonderkommission "Dennis" ist der Fall noch lange nicht beendet. In den kommenden Monaten wird es ihre Aufgabe sein, ein möglichst lückenloses Bild von dem Täter zeichnen zu können.

Soko-Chef Martin Erftenbeck sagt, dass Martin N. mitgenommen gewirkt habe, als er von seinen Opfern gesprochen hat. In anderen Momenten sei er hingegen ruhig und völlig gefasst: "Seine seelische Verfassung ist nur schwer einzuschätzen."