Interview

"Sie töten, um schrankenlose Macht zu erleben"

Friedrich Schwerdtfeger, Chefarzt der Klinik für forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost, im Gespräch mit Daniel Herder.

Berliner Morgenpost: Was treibt Sexualtäter wie Martin N. an?

Friedrich Schwerdtfeger: Das ist schwer zu sagen, da diese Tätergruppe sehr uneinheitlich ist. Zum einen haben wir Täter, die töten, um eine Straftat zu verdecken. Die zweite Tätergruppe sucht Opfer, die - wie Kinder - leicht verfügbar und kontrollierbar sind, um dann ihre aggressiven Sexualfantasien auszuleben. Hierzu gehören auch Täter aus dem pädo-sadistischen Spektrum.

Berliner Morgenpost: Was kennzeichnet diese Sadisten?

Friedrich Schwerdtfeger: Häufig handelt es sich um Menschen, die im Kindesalter durch sadistische Handlungen, etwa Tierquälereien, aufgefallen sind, dann immer weitreichendere Fantasien entwickelten. Diese Fantasien können in konfliktträchtigen Situationen immer intensiver werden. Je angespannter die Situation, etwa in der Beziehung oder am Arbeitsplatz, desto drängender werden die sexuellen Impulse. Nicht selten stammen die Täter aus zerrütteten Elternhäusern, wachsen bei einer alleinerziehenden Mutter auf und/oder haben selbst schwere Gewalterfahrungen gemacht. Charakterisiert durch ein eher geringes Selbstwertgefühl, morden sie, um schrankenlose Macht zu erleben - die Macht, Herr über Leben und Tod zu sein. Die Jagd nach dem begehrten Objekt und die Kontrolle sind für sie das wirklich Erregende.

Berliner Morgenpost: Martin N. hat sich beruflich als Sozialpädagoge in Menschen hineinversetzen müssen. Wie sind vor diesem Hintergrund die kaltblütigen Taten zu werten?

Friedrich Schwerdtfeger: Menschen mit pädo-sexueller Orientierung gehen häufig in Berufe mit leichtem Zugang zu ihren Opfern, eben auch in die Jugendbetreuung. Sie interagieren da völlig unauffällig mit Kindern, sie sind intelligent, sensibel. Gerade diese Fähigkeit versetzt sie in die Lage, sich der Kinder zu bemächtigen. Solchen Menschen kann es auch gelingen, die Tat komplett in den Hintergrund zu drängen, ein scheinbar angepasstes, bürgerliches Leben zu führen.

Berliner Morgenpost: Halten Sie es für möglich, dass Martin N. seine Taten bereut?

Friedrich Schwerdtfeger: Das ist nicht auszuschließen. So wie es den psychopathischen Typus gibt, der keinerlei Mitgefühl mit seinen Opfern empfindet, gibt es auch die zur Empathie fähigen Täter, die unter dem leiden, was sie getan haben. Das führt bei einigen bis zu Selbstbestrafungstendenzen oder dazu, dass sie unbewusst verdächtige Spuren hinterlassen.

Berliner Morgenpost: Was bringt eine Kastration von Sexualtätern, die ja auch unter Juristen sehr umstritten ist?

Friedrich Schwerdtfeger: Es senkt den Testosteron-Spiegel und mindert die Aggressivität. Allerdings: Pädo-sadistische Täter töten unter Umständen auch ohne ihre Hoden. Es sind die Fantasien, die sie antreiben - das Kino läuft im Kopf.