Mordserie

"In mir nagt noch der Zweifel"

Die spektakuläre Aufklärung der Mordserie an Kindern hat auch in Tangstedt vor den Toren Hamburgs erst einmal große Erleichterung ausgelöst. Bei Ulrich J. klingelte gestern pausenlos das Telefon. Bekannte und Verwandte riefen bei ihm an und "brachen fast in so eine Art Jubel aus", erzählt er.

Der 67-Jährige steht vor seinem Haus in einer ruhigen Seitenstraße. Hier hatten am Morgen zwei Kontaktbeamte der Polizei geklingelt und ihn darüber informiert, dass man im Mordfall Dennis einen Täter gefasst habe. Und dass dieser auch gestanden habe, am 30. März 1992 den damals 13-jährigen Stefan J. getötet zu haben.

Nach 19 Jahren scheint es so, dass jetzt die Suche des Vaters nach dem Mörder seines Sohnes zu Ende ist. Und alles deutet darauf hin, dass Stefan J. das erste Mordopfer des "Maskenmannes" in Schwarz gewesen ist.

Stefan hatte seit Sommer 1991 das Internat Eichenschule in Scheeßel im Landkreis Rotenburg/Wümme besucht. Sein Verschwinden wurde am Morgen des 30. März 1992 bemerkt, als er gegen sechs Uhr nicht mehr in seinem Bett lag. Im Aufenthaltsraum wurde lediglich sein Schlafanzug gefunden. Fünf Wochen später fand die Polizei 40 Kilometer vom Internat entfernt die Leiche von Stefan. Sie war vergraben, die Hände des Jungen waren auf dem Rücken gefesselt.

19 Jahre lang hat Ulrich J. versucht herauszufinden, was damals mit seinem Sohn geschehen ist. Er hat Akten gewälzt und selbst Ermittlungen angestellt, ist jeder denkbaren Spur nachgegangen und konnte einfach keine Ruhe finden.

Jetzt muss er selbst erst einmal ganz viele Fragen beantworten. Wie er die Nachricht von der Verhaftung und dem Geständnis des mutmaßlichen Mörders seines Sohnes aufgenommen habe? "Das kam für mich völlig überraschend, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet", sagt Ulrich J. Er spricht ruhig, macht längere Pausen zwischen den Sätzen, und man merkt ihm an, dass er der ganzen Sache noch nicht so recht traut.

Er hat dafür auch gute Gründe. Denn schon einmal ist ein Verdächtiger in dem Fall verhaftet worden und saß drei Monate im Gefängnis, weil er kein Alibi für die Tatzeit hatte. Doch Zeugen gaben dem Mann später eins. Vielleicht auch deshalb bleiben für Ulrich J., trotz des Geständnisses von Martin N., noch Zweifel. Er hat noch so viele Fragen. Was ist mit dem genauen Todeszeitpunkt? Wann wurde die Leiche seines Sohnes in den Dünen vergraben? Warum wurden zwei bestimmte Personen, die er benannt hat, nicht bei einem Massen-Gentest berücksichtigt?

Ob er erleichtert ist, will ein Fernseh-Team wissen? "Einerseits spüre ich eine große Erleichterung, wenn mit dem Geständnis und der Überführung des Täters die Suche nach 19 Jahren zum Abschluss kommt", sagt er. "Andererseits bleiben gewisse Zweifel. Ich brauche jetzt einfach mehr Einzelheiten über den Täter und die Ermittlungen." Merkwürdig fühle er sich, weil er hoffe, dass es jetzt zu Ende geht, und wisse, "dass noch jede Menge auf einen zukommt".

Ulrich J. will die genauen Einzelheiten zum Tathergang erfahren. Er wird sie dann mit seinen eigenen Recherchen und Ermittlungen vergleichen. Und er hofft so sehr, dass beides dann übereinstimmt.

An diesem Sonnabend feiert der Mann seinen 68. Geburtstag. Vielleicht ist es der Tag, an dem der groß gewachsene Mann aus Tangstedt so eine Art Erlösung finden kann. "Wenn es sich bewahrheitet", sagt Ulrich J. über den geständigen Mörder, "ist das der Moment, auf den ich seit 19 Jahren gewartet habe."

Wenig später ruft ein Nachbar über den Gartenzaun "Endlich haben sie ihn."

"Ja", antwortet er, "ich hoffe".