Doppelmord von Krailling

Blutige Kleidung soll zum Täter führen

Er sprach nicht viel mit der Polizei. Und seine Aussagen waren voller Widersprüche. Jetzt schweigt er auf die Fragen der Ermittler. Er will nichts mehr sagen. Seinem Anwalt hat er gesagt, dass er unschuldig sei und zuversichtlich, dass sich alles klären werde. Die schweren Vorwürfe gegen den Mann, der zurzeit in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in Untersuchungshaft sitzt, weil er verdächtigt wird, ein Verbrechen begangen zu haben, das unvorstellbar ist.

Der bisher unbescholtene Familienvater Thomas S., Postbote aus Peißenberg bei München, steht unter dringendem Verdacht, seine beiden Nichten Sharon (11) und Chiara (8) in ihrem Zuhause in Krailling getötet zu haben. In jener Nacht zum 24. März, als Anette S., die Mutter der Kinder, nur wenige Meter entfernt in einer Gaststätte kellnerte. Die Haustür des Hauses war in der Tatnacht unverschlossen. Am frühen Morgen, als Anette S. mit ihrem Lebensgefährten von der Arbeit nach Hause kam, fand sie ihre beiden Mädchen. Blutüberströmt, getötet mit Messerstichen und Stößen einer Hantelstange.

Am Tatort wurde ein Strick gefunden

Jetzt wurde bekannt, dass am Tatort auch noch ein Strick gefunden wurde. Die Münchner Staatsanwaltschaft II bestätigt das: Der Strick habe bei der Tat eine Rolle gespielt, sagt die Pressesprecherin Andrea Titz. Medien wie die "Süddeutsche Zeitung" berichten, dass die achtjährige Chiara vermutlich mit dem Strick erwürgt wurde. Das Mädchen habe die Schlinge um den Hals gehabt, als die Mutter sie fand. Das Seil wird derzeit spurentechnisch untersucht. Weitere Einzelheiten gaben Polizei und Staatsanwaltschaft dazu jedoch mit Verweis auf ermittlungstaktische Gründe nicht bekannt.

Gesucht wird nach Spuren, die wie die anderen, die am Tatort gefunden wurden, zu Thomas S. führen, der eine Woche nach der Tat festgenommen wurde. Seine Ehefrau, mit der er vier Kinder zwischen sechs und 13 Jahren hat, gab ihm für die Tatnacht ein Alibi. Den Verdacht gegen ihn vermindert das nicht. "Aus unserer Sicht steht er immer noch unter dringendem Tatverdacht", sagt Titz. Sie bestätigt, dass am Montag 300 Polizeibeamte die mutmaßliche Fahrtstrecke absuchen, die der Verdächtige nach der Tat zurückgelegt haben könnte. Es handelt sich um den Weg vom Tatort zur Arbeitsstelle und zum Wohnort. "Gesucht wird nach blutbefleckten Kleidungsstücken", sagt Titz. Es wäre eine allgemeine Suchaktion. Es würden keine konkreten Kleidungsstücke gesucht, lediglich weitere Beweisstücke, die der Täter auf seinem Weg von Krailling weggeworfen haben könnte.

Doch auch ohne gefundene Kleidungsstücke sieht für die Ermittler die bisherige Beweislage für Thomas S. nicht gerade gut aus. Es gibt noch keine Zeugen, die ihn in der Mordnacht in Krailling gesehen haben. Aber was gegen Thomas S. spricht, sind neben Hautpartikeln des Verdächtigen, die an einem der Mädchen gefunden wurden, Blutspuren. Auch sie stammen von Thomas S., der freiwillig eine Speichelprobe abgegeben hatte. Karl Peter Lachniet, der Anwalt des Verdächtigen, betont indes, dass sein Mandant vor zwei Wochen in Krailling bei der Familie von Anette S. zu Besuch gewesen wäre und damals Nasenbluten gehabt hätte. Die Münchner Polizei erklärte aber bereits, dass die Blutspur frisch gewesen wäre. Die bisherigen Ermittlungen, das ließ die Polizei verlauten, untermauern den Tatverdacht. Thomas S. soll auch eine Kratzspur an der Hand haben, die möglicherweise von der elfjährigen Sharon stammt, die sich gegen den Täter gewehrt haben könnte.

Insgesamt habe die Soko "Margarete" - benannt nach der Straße, in der die getöteten Mädchen gefunden wurden - in dem Fall inzwischen 104 Vergleichsspeichelproben erhoben, mehr als 150 Vernehmungen geführt sowie 176 Hinweise erfasst.

Die Motive sind noch völlig unklar. Tatsächlich schwelt in der Familie schon lange ein Streit um eine Erbschaft. Das Verhältnis zwischen Thomas S. und seiner Schwägerin Anettte S. soll nicht gerade harmonisch gewesen sein. Thomas S. und seine Familie wären angeblich in einer schweren Krise gewesen. So soll der Postbote hoch verschuldet sein, seit er sich ein Haus gebaut hat. Seine Frau ist offenbar schwer krank, ebenso sein Sohn, dem ein Teil einer Leber verpflanzt wurde. Möglicherweise hatten Thomas S. und seine Frau geplant, eine mit Anette S. gemeinsam geerbte Wohnung zu verkaufen und das Geld zum Abtragen der Schulden zu verwenden. Möglicherweise hat sich Anette S., die Mutter von Sharon und Chiara, dagegen gewehrt. Aber das sind alles Spekulationen. Und erklärt das eine solche Tat?

Ein Mittäter wird ausgeschlossen

Eine Tatbeteilung der Ehefrau von Thomas S., die mehrfach vernommen wurde, schließt die Polizei aus, so wie überhaupt davon ausgegangen wird, dass es keinen Mittäter gibt. Dafür gebe es keine gentechnischen Beweise. Die vier gemeinsamen Kinder des Paares sind mittlerweile unter der Obhut des Jugendamtes und in Pflegefamilien untergebracht.

Die Münchner Ermittler vermuten eine Beziehungstat. Hass und enormer Zorn könnten sich hier entladen haben. Neid und Rache könnten ebenso eine große Rolle gespielt haben. Das Landeskriminalamt hat eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro für Hinweise zur Aufklärung des Verbrechens ausgesetzt. Hinweise eventueller Zeugen oder zu Fundstücken würden bei jeder Polizeidienststelle entgegengenommen.

Thomas S. aber schweigt. Er werde kein Geständnis ablegen, sagte sein Anwalt. Mittlerweile liegt der Tatverdächtige in der Krankenstation des Gefängnisses. Wegen Selbstmordgefahr.