Nach der Massenkarambolage

Verkehrsminister ist gegen Tempolimit

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Michael Preisinger

Sonntagmittag auf der Autobahn A 19 zwischen Rostock und Berlin. Dort, wo zwei Tage zuvor noch der Horror herrschte, kehrt nun Normalität ein. Am Sonntagnachmittag wurde auch die Fahrbahn in Richtung Rostock wieder für den Verkehr geöffnet, nachdem die Bahn Richtung Berlin schon am Samstag wieder freigegeben worden war. Der Asphalt wurde zunächst notdürftig repariert.

Doch die Ruhe trügt. Denn nach dem Unfall, bei dem auch ein junger Berliner und zwei Brandenburger ums Leben kamen, haben der Schock und das Entsetzen jetzt Nachdenken ausgelöst. Nachdenken darüber, ob solche Unfälle in Zukunft verhindert werden können.

Autobahn wurde wieder freigegeben

Am Freitagmittag waren auf der Autobahn kurz vor Rostock in beiden Richtungen 82 Fahrzeuge kollidiert, nachdem eine Sturmböe so viel Sand aufwirbelte, dass den Fahrern komplett die Sicht genommen war. Acht Menschen starben, 131 wurden verletzt, 80 Fahrzeuge wurden beschädigt, mehr als 40 brannten aus.

Inzwischen ist die Unfallstelle geräumt. "An den Unfall erinnert jetzt nur noch ein gut 60 Meter langer Asphaltstreifen, der auf den beschädigten Beton aufgebracht werden musste", sagt Thomas Ebel, Leiter der zuständigen Autobahnmeisterei.

Neu ist auch: Das Tempo wurde an der Unfallstelle auf 80 Stundenkilometer begrenzt. Der Unfall hat eine grundsätzliche Debatte über ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen ausgelöst.

Bei der Jahrestagung der Landesverkehrswacht in Linstow hat sich Mecklenburg-Vorpommerns Verkehrsminister Volker Schlotmann dafür ausgesprochen, über Tempolimits zu reden: "Man kann nicht jeden Unfall durch Verkehrsregeln verhindern. Wir müssen aber darüber reden, ob und wie Tempolimits zu mehr Sicherheit beitragen können."

Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost sprach sich der Minister jedoch gegen allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzungen aus: "Ich meine nicht, dass wir generell eine feste Geschwindigkeitsbegrenzung auf Deutschlands Straßen einführen müssen", sagte Schlotmann. Sinnvoll seien aufklappbare Verkehrsschilder, die saisonale Warnungen aussprächen.

Die Suche nach den Verursachern des Unfalls geht unterdessen weiter. Inzwischen hat die Rostocker Staatsanwaltschaft nach Mitteilung ihrer Sprecherin, Maureen Wiechmann, Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung aufgenommen.

Auf eventuelle Verursacher könnten auch finanzielle Schadenersatzforderungen zukommen, denn "das Schadenausmaß nach dem Horrorunfall auf der Autobahn nahe Rostock gehe sicher in zweistellige Millionen." Erste Gutachter waren bereits am Freitag am Unfallort und beschlagnahmten fünf Autos, um das genaue Geschehen der Massenkarambolage zu klären. An der Spitze der Kolonne Richtung Rostock sei auch einer der vier beteiligten Lastwagen gefahren. Und hier gab es auch die Brände. "Die Untersuchungen werden einige Tage andauern", sagte Wiechmann. Schließlich müssten viele Zeugen befragt werden, von denen einige noch verletzt in Krankenhäusern in Güstrow, Bad Doberan und Rostock liegen.

Alle Todesopfer sind inzwischen identifiziert. Die Identifizierung hat wegen der schweren Verbrennungen zwei Tage gedauert. Vier der Toten stammen den Polizeiangaben aus Mecklenburg-Vorpommern: ein Ehepaar von 68 und 75 Jahren aus dem Landkreis Bad Doberan sowie zwei 45 und 69 Jahre alte Männer aus dem Landkreis Güstrow. Aus dem brandenburgischen Landkreis Ostprignitz/Ruppiner Land kommen ein 60 Jahre alter Mann und eine 45 Jahre alte Frau. Das Todesopfer aus Berlin war ein 34 Jahre alter Mann. Aus Sachsen-Anhalt stammt eine 69-Jährige aus dem Landkreis Bitterfeld/Wolfen.

Noch immer ist der Gesundheitszustand eines der schwer Verletzten Unfallopfer kritisch. Es ist noch nicht außer Lebensgefahr. Es wird zusammen mit zwei weiteren Intensivpatienten im Krankenhaus von Güstrow behandelt.

Insgesamt befanden sich am Samstag noch knapp 20 Unfallopfer in stationärer Behandlung in den Krankenhäusern der Region. Mehrere Unfallbeteiligte und Angehörige wurden in Güstrow vom Deutschen Roten Kreuz psychologisch betreut.

Nach dem Unfall am frühen Freitagnachmittag waren alle Krankenhäuser Mecklenburgs im Dauereinsatz gewesen. "Wir haben Ärzte und Schwestern zurück in die Klinik geholt und zusätzliche Betten vorbereitet", sagte der Ärztliche Direktor der Uniklinik Rostock, Professor Peter Schuff-Werner, mit Blick auf das zurückliegende Wochenende.

Politiker aller Fraktionen würdigten den Einsatz der Rettungskräfte. In nicht einmal zwei Stunden nach dem Unfall waren alle Verunglückten versorgt oder in Kliniken abtransportiert. "Mein Dank gilt allen Feuerwehrleuten, den Rettungskräften und all den anderen Helfern für ihre koordinierte und hervorragende Arbeit", sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD).

Nach der medizinischen Versorgung gilt es nun, sich auch um die psychischen Folgen zu kümmern. Betreut werden alle Beteiligten, sowohl Opfer als auch Helfer, inzwischen durch Psychologen der Einsatzkräfte und verschiedenste Seelsorger. "In den Gottesdiensten in Rostock und im gesamten Erzbistum Hamburg wird für alle Betroffenen gebetet", sagte der Erzbischof von Hamburg, Werner Thissen.

Am kommenden Sonntag soll ein zentraler Gottesdienst für die Opfer stattfinden. Die Kavelstorfer Kirchgemeinde würde ihn gern in ihrem Gotteshaus abhalten - die einzige Autobahnkirche Mecklenburg-Vorpommerns -, die allerdings nur etwa 300 Personen Platz bietet.

Auch die Straßenmeisterei hat angeboten, dass Blumen und Kränze am Unfallort abgelegt werden können. Aus Sicherheitsgründen allerdings nicht auf dem Standstreifen, sondern auf dem angrenzenden Feldweg.