Stalking-Urteil

"Psychoterror ist Körperverletzung"

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Berliner Morgenpost: Susanne Schumacher, Sie sind Leiterin der Stalking-Opferhilfe in Berlin. Was halten Sie von dem Urteil des Bundessozialgerichts, wonach Stalking-Opfer nur Anspruch auf Beschädigtenrente haben, wenn ihnen auch körperliche Gewalt angetan wurde?

Susanne Schumacher: Das Urteil ist wahrscheinlich gefallen, weil die Richter eine Klage-Lawine verhindern wollten. In vielen Fällen lässt sich nicht genau nachweisen, ob Stalking oder andere Ursachen schuld an den psychischen Folgen sind. Dennoch können sich schwere Formen von Stalking traumatisch mit psychosomatischen Folgen auswirken. Das kann man durchaus mit Körperverletzung gleichsetzen. Es ist ein Unterschied, ob man jemandem ein blaues Auge verpasst oder über einen langen Zeitraum systematisch terrorisiert. Daher finde ich das Urteil, das gefällt wurde, problematisch.

Berliner Morgenpost: Welche Erfahrungen haben Sie bei ihrer Arbeit in der Opferhilfe mit Betroffenen gemacht?

Susanne Schumacher: In schweren Fällen von Stalking kann es zu posttraumatischen Belastungsstörungen kommen, die sich etwa in Schlaf- oder Essstörungen sowie Depressionen zeigen. Es gibt Hinweise, dass jedes vierte Opfer über Selbstmord nachdenkt. Ich erlebe Menschen, die ihre Unruhe nicht mehr loswerden. Die misstrauisch gegenüber neuen Menschen sind. Viele waren nach mehrmaligem Wechseln der Nummer noch immer Telefonterror ausgesetzt. Manche Betroffenen müssen untertauchen und ihren Wohnort wechseln.

Berliner Morgenpost: Was muss jetzt passieren?

Susanne Schumacher: Die öffentliche Debatte muss sich mehr um die Opfer und nicht nur um die Täter drehen. Ich finde es fatal, wenn Stalking-Opfer womöglich nicht mehr ihrem Beruf nachgehen können und für ihr weiteres Leben geschädigt sind. Es muss im Interesse unserer Gesellschaft sein, dass Betroffenen nicht allein gelassen und in schweren Fällen, bei Erwerbsunfähigkeit, finanziell aufgefangen werden. Es war schon ein langer Weg, festzustellen, dass Stalking überhaupt strafwürdig ist. Das sollte sich jetzt nicht wiederholen.