Prozess

Hirnforscher streiten über Claudia D.

Es war der 36. Verhandlungstag im Kachelmann-Prozess. Mit Spannung erwartet wurde die Aussage des Bielefelder Psychologen Hans Markowitsch. Vergeblich hatte Verteidiger Schwenn versucht, dessen Aussage zu verhindern. Markowitsch war von Schwenns Vorgänger Reinhard Birkenstock in den Prozess geholt worden.

Der Hirnforscher hatte bei mehreren Vernehmungen zu den angeblichen Gedächtnislücken des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers Claudia D. deren Behauptung unterstützt, sich wegen der Todesangst kaum an Details erinnern zu können. Der Therapeut Günter Seidler hatte daraufhin erklärt, ihr Gedächtnisverlust sei nachvollziehbar.

Genau dieser Zusammenhang ist aber wissenschaftlich umstritten. Experten streiten seit Jahren darüber, ob Ängste tatsächlich Erinnerungen verhindern oder auslöschen können oder ob man sich nach Stress manche Erlebnisse nur einbildet. Der Berliner Psychiater Hans-Ludwig Kröber hatte die Theorie vom Gedächtnisverlust zurückgewiesen. Im Gegenteil könnten sich Menschen nach Unglücken in der Regel ganz besonders gut an noch so kleine Details erinnern. Mit Verweis auf Kröber sahen Kachelmanns Verteidiger denn auch in den vagen Aussagen von Claudia D. einen Hinweis darauf, dass die Tat gar nicht stattgefunden habe.

Schwenn hatte Markowitsch im Dezember umgehend aus der Expertenliste entfernt. Denn Markowitsch gehört ins Lager jener Forscher, die Gedächtnislücken durch ein Trauma durchaus für möglich halten. Schwenn erkannte also schnell, dass dieser eher der Staatsanwaltschaft nutzen könnte. Postwendend beantragte Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge seinerzeit, Markowitsch wieder ins Verfahren zurückzuholen. Dem hatte das Gericht stattgegeben. Mit seiner Argumentation, die Befragung des Bielefelders sei "unnötig", weil Kröber schon alles Notwendige zu dem Thema gesagt habe, konnte sich Schwenn nicht durchsetzen.

Was Markowitsch nun aber tatsächlich sagte, blieb der Öffentlichkeit verborgen. Denn auch diesmal wurde das Publikum vor die Tür geschickt. Zuvor allerdings lieferte der Hirnforscher einen Überblick über sein Forschungsfeld. Dabei führte er aus, dass es ausnahmsweise zu Erinnerungslücken in Folge eines Traumas kommen könne. Betroffene seien meist zuvor schon in ihrer Kindheit einem schockierenden Erlebnis ausgesetzt gewesen. Die meisten Menschen aber erinnerten sich unter Stress sehr scharf an das Erlebte, Kernszenen würden sich "häufig einbrennen". Die Verteidigung resümierte zufrieden, die Staatsanwaltschaft habe "nichts gehört, aus dem sie Honig saugen könne".

Erst am 2. Mai geht der Prozess weiter. Sollte sich die Strafkammer an den Zeitplan halten können, würde am 27. Mai das Urteil gesprochen.