Verbrechen

Krailling: Blutspur führte zum Verdächtigen

Die Reporter stellen manche Fragen gleich zweimal. So vieles ist noch ungeklärt, so vieles wäre aber wichtig, um die Dimension dieses Verbrechens zu begreifen: Wie zum Beispiel hat Anette S. reagiert, als sie erfuhr, dass ihr eigener Schwager der Mörder ihrer Kinder sein soll?

Markus Kraus, Leiter der Mordkommission München, antwortet zweimal das Gleiche: Er habe Anette S. nur am Telefon gesprochen und könne sich daher kein Urteil erlauben über ihre Reaktion. Es ist für ihn an diesem Mittag auf der Pressekonferenz in München wohl die einzig formulierbare Antwort auf Fragen zu einer Tat, der mit Gefühlen nicht beizukommen ist.

Markus Kraus hält sich an Fakten. Er schildert wie die Zentrifugen liefen Tag und Nacht, elf oder zwölf davon gibt es im Labor, und wie die Frauen und Männer in der Rechtsmedizin Speichelprobe um Speichelprobe untersuchten. 91 insgesamt. Am Freitag, am frühen Nachmittag, dann schließlich der Treffer. Sofort schickte Markus Kraus seine Kollegen nach Peißenberg. Ein Spezialeinsatzkommando nahm den Verdächtigen vor seinem Wohnhaus fest - ein 50-jähriger vierfacher Familienvater. Der Onkel der ermordeten Töchter von Anette S. Er soll Sharon (11) und Chiara (8) im 50 Kilometer entfernten Krailling getötet haben.

Distanziert, desinteressiert, so habe Thomas S. gewirkt, sagt Kraus. Zweimal sei er schon vernommen worden, ein Geständnis hat er nicht abgelegt. Doch in seinen Aussagen habe es Widersprüche gegeben. Welche, will Kraus noch nicht sagen. Zur Vernehmung keine Details, eins aber sagt er deutlich: "Aufgrund der Spurenlage besteht ein dringender Tatverdacht."

Einen Erbschaftsstreit soll es gegeben haben. Das berichten gleich mehrere Zeitungen. Seit seinem Hausbau soll der 50-jährige Tatverdächtige verschuldet sein. Seine Frau sei an Brustkrebs erkrankt, einem seiner Söhne musste wohl ein Teil einer Leber verpflanzt werden. Von seiner Festnahme am Freitag bekam die Familie nichts mit.

In der Nacht zum 24. März, so der drängende Verdacht, soll er die Wohnung seiner Schwägerin betreten haben. Anette S. befand sich zu der Zeit im "Schabernack", der Kneipe ihres Lebensgefährten, nur 100 Meter entfernt. Immer wenn sie nachts dort arbeitete, ließ sie die Wohnungstür unverschlossen, damit die Mädchen schnell fliehen konnten in einem Notfall. Dann soll er in die Zimmer seiner Nichten gegangen sein und sie ermordet haben, mit einem Messer und einer Hantel. Irgendwie muss er sich dabei verletzt und eine Blutspur am Tatort hinterlassen haben. Als Anette S. mit ihrem Freund in den frühen Morgenstunden nach Hause kam, fand sie ihre leblosen Töchter in ihren Betten. Die Kinder waren an ihren vielfältigen Verletzungen gestorben.

Heimtücke ist eines der sogenannten Mordmerkmale. Diese unterscheiden eine "Straftat gegen das Leben" vom geringer bestraften Totschlag. In Paragraf 211 des Strafgesetzbuches heißt es: "Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier heimtückisch oder grausam tötet." Heimtücke ist, wenn ein Opfer wehr- und arglos ist. "Wir gehen davon aus", sagt Oberstaatsanwältin Andrea Titz, "dass er Wehr- und Arglosigkeit der Opfer ausgenutzt hat." Als wehrlos gilt, wer in seiner Abwehrbereitschaft stark eingeschränkt ist. Als arglos, wer keinen Angriff erwartet. Ob der Täter die Mädchen im Schlaf ermordete, ist noch unklar, ebenso wie der weitere Tatablauf. Ohne Widerstand ließ sich Thomas S. festnehmen. Die Speichelprobe hatte er freiwillig abgegeben. Nun wurde ein Haftbefehl wegen zweifachen Mordes erlassen. Bis jetzt, sagt Kraus, ist der Mann strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten. Auch seine Frau, die Schwester von Anette S., wurde vernommen. Was sie sagte, bleibt geheim. Um die Kinder kümmert sich erst mal das Jugendamt.

"Die Tat ist schlimm genug"

Die meisten Fragen darf Kraus nicht beantworten. Und bittet dafür um Verständnis. Dass sie den Täter, noch mutmaßlich, so schnell gefasst hätten, das sei weder Glück noch Schicksal, sagt er, das sei vor allem der Entscheidung zu verdanken, die meisten Details zu verschweigen. Solange die Ermittlungen andauern, will Kraus an dieser Strategie festhalten. Joachim Herrmann (CSU), der bayerische Innenminister, bedankte sich bei der Münchner Polizei für ihren Einsatz. "Die Tat ist schon schlimm genug", sagte er. "Umso mehr erwarten die Menschen, dass so ein Verbrecher schnell dingfest gemacht wird."

Im Heimatort der beiden Mädchen machte sich Entsetzen breit. Ausgerechnet der Onkel soll die unvorstellbare Tat begangen haben. Und wieder legten die Menschen vor dem Haus der Familie Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Ein Meer aus Kuscheltieren, Blumen und Lichtern. Viele Eltern kamen mit ihren Kindern, um eine Kerze anzuzünden oder einfach nur stumm dazustehen und die vielen Abschiedsbriefe zu lesen.

Ganz anders dagegen die Stimmung in Peißenberg, wo Thomas S. mit seiner Familie lebte. Die Jalousien und Vorhänge an seinem rosafarbenen Haus waren geschlossen, die Türen von der Polizei versiegelt. Auf der Straße herrschte am Samstag kaum Betrieb. Die wenigen Nachbarn, die sich zeigten, bezeichneten Thomas S. als keinen angenehmen Menschen, viele Kinder hätten Angst vor ihm gehabt. Nicht in Peißenberg habe er gearbeitet, sondern in einem Nachbarort, Medienberichten zufolge als Postbote. Das Grundstück sei schon länger eine Baustelle, weil dem Bauherrn das Geld ausgegangen sei. Die Familie soll sehr zurückgezogen gelebt haben. Viele kannten den Mann nur vom Sehen.

Thomas S. sitzt nun im Münchner Untersuchungsgefängnis Stadelheim. Die Monstrosität dieser Tat lässt sich nicht übersetzen in Antworten auf Fragen, von denen man nicht weiß, wo sie beginnen, wo sie enden sollen. Die Soko "Margarete" benannt nach der Straße, in der die Tat geschah, wird Antworten suchen. Und wahrscheinlich auch finden. Verstehen wird man das Geschehen wohl trotzdem nicht.