Gewalt

"Hat Gott vergessen, gnädig zu sein?"

Nach dem furchtbaren Verbrechen in Krailling im Landkreis Starnberg, wo vor einer Woche zwei acht und elf Jahre alte Mädchen brutal ermordet wurden, hat die zuständige Staatsanwaltschaft München II jetzt, ganz offiziell, eine Nachrichtensperre über den Fall verhängt.

Gut 50 Hinweise aus der Bevölkerung, denen die Ermittler bislang nachgegangen sind, brachten die Polizei bei der Suche nach dem Täter nicht weiter, sagte Oberstaatsanwältin Andrea Titz in München. Eine am Tatort gefundene, fremde DNA-Spur konnte bis jetzt nicht zugeordnet werden.

Unterdessen wächst bei den Menschen in der 8000-Seelen-Gemeinde neben der Fassungslosigkeit über die Tat auch die Verunsicherung. Bei einem Trauergottesdienst in der Kirche St. Elisabeth in der Kraillinger Nachbargemeinde Planegg, wo am Dienstagabend mehrere Hundert Menschen für die beiden toten Mädchen beteten, versuchte Kraillings Bürgermeisterin Christine Borst, das Unbehagen in Worte zu fassen. "Unsere friedliche Gemeinde ist durch dieses Verbrechen unsanft aus ihrer Unbeschwertheit gerissen worden", so Borst: "Es wird nie mehr so sein wie vorher." Gemeinde und Polizei würden aber alles tun, "damit sich die Menschen wieder sicher fühlen können".

Überraschend war auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nach Planegg gekommen und ergriff im Trauergottesdienst das Wort. Er könne all jene verstehen, so Herrmann, die mit "Wut, Angst und Sorge" auf dieses unfassbare Verbrechen reagierten: "Aber ich verspreche Ihnen, dass die Polizei alles dafür tut, den Täter dingfest zu machen und einer gerechten Strafe zuzuführen." Wie am Dienstag bekannt wurde, wurde die ermittelnde Sonderkommission "Margarete" - benannt nach der Kraillinger Margaretenstraße, wo das Verbrechen geschah - in der Zwischenzeit auf über 30 Beamte aufgestockt, außerdem wurden sogenannte Profiler hinzugezogen, die aus den am Tatort gefundenen Spuren ein Verhaltensprofil des Täters erstellen.

Zahlreiche freiwillige Speichelproben

Wie sehr die Menschen in Krailling das Verbrechen beschäftigt, kann man daran sehen, dass viele Freiwillige jetzt von sich aus Speichelproben abgeben - obwohl oder gerade weil die Polizei keine DNA-Reihenuntersuchung plant. Solche freiwilligen Proben sollen auch weiterhin genommen werden, sagt Oberstaatsanwältin Andrea Titz, die den wachsenden "Druck aus der Bevölkerung" nach eigenen Worten sehr wohl spürt.

Genau eine Woche ist es jetzt her, dass die achtjährige Chiara und ihre elfjährige Schwester Sharon ermordet in der Wohnung der Mutter aufgefunden wurden, die in der Tatnacht in der Kneipe ihres Lebensgefährten 100 Meter entfernt arbeitete. Jeder weitere Tag ohne Fahndungserfolg oder heiße Spur, der seitdem verstrich, zerrt an den Nerven der Menschen in Krailling, die Angst vor dem Unbekannten und davor, "dass so etwas noch mal passieren könnte" (Joachim Herrmann), ist allgegenwärtig.

Als am Dienstag gegen 18 Uhr die Glocken von St. Elisabeth zum Trauergottesdienst läuteten, war es, als hielte eine ganze Gemeinde den Atem an: Wenig Verkehr in der ansonsten belebten Hauptstraße des Ortes, statt in Cafés und Geschäfte drängten die Menschen in die Kirche, wo der katholische Pfarrer Anicet Mutonkole und seine evangelische Kollegin Katarina Freisleder versuchten, den Menschen Trost zu spenden.

Freisleder, selbst Mutter zweier Kinder, zitierte Psalm 77 der Bibel: "Ich rufe zu Gott, ich schreie, bis er mich hört. Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, ist es aus mit seiner Güte und hat die Verheißung ein Ende?" Chiara und Sharon seien nach ihrem Martyrium nunmehr bei Gott geborgen, "Jesus lässt sie nie los, er ist ihnen so nah, wie wir ihnen nie sein können". Mutonkole ließ zwei "Kerzen der Hoffnung" für die ermordeten Mädchen entzünden. Beim gemeinsamen Vaterunser fassten die Menschen, die dicht gedrängt bis zum Ausgang standen, einander an den Händen und beteten um Erlösung "von dem Übel".

Ein paar Theorien sind im Umlauf, eine hat mit den Internetaktivitäten der beiden getöteten Mädchen zu tun, die angeblich nicht nur in Facebook unterwegs gewesen sein sollen, sondern auch in anderen Foren. Auf diese Weise, heißt es, könnte auch ein Außenstehender davon erfahren haben, dass Chiara und Sharon immer wieder mal allein zu Hause waren, wenn die Mutter abends arbeiten ging. Das würde bedeuten, dass man den Täter nicht in Krailling selbst vermuten müsste, sondern dass es auch der große Unbekannte von irgendwoher gewesen sein könnte. Eine andere Theorie dagegen, die auch von Kriminalpsychologen vertreten wird, besagt, dass Verbrechen von solcher Intensität am ehesten im näheren Beziehungsumfeld begangen werden.