Prozess

Kachelmann-Richter kritisiert Zeugin

Ob er einen Zeugen sympathisch oder anstoßend findet, darf für einen Richter keine Rolle spielen.

Aber am Ende müssen die Mitglieder einer Kammer nun mal darüber entscheiden, welchen Wert sie all dem während der Verhandlung Gehörten für ihr Urteil beimessen. Dabei kann sich manches negativ auswirken, was die Glaubwürdigkeit von Zeugen angeht - wie möglicherweise im Fall der Kachelmann-Exfreundin Viola S., die am 35. Prozesstag zum zweiten Mal vernommen wurde.

Die Frau hatte 50 000 Euro vom Burda-Verlag dafür kassiert, dass sie vom Titel der "Bunten" herab vor aller Welt jammerte, wie sehr der Wettermoderator ihre "Seele missbraucht" habe. Doch später, als sie persönlich im Vergewaltigungsprozess vor Gericht aussagen musste, erwähnte die 34-Jährige aus Hamburg diese kleine Vergütungs-Information nicht nur nicht. Sie beantragte mit einiger Chuzpe zudem, das Publikum auszuschließen bei ihrer Aussage. Dadurch fühle sich das Gericht "am Nasenring durch die Manege geführt", sagte jetzt einer der drei Mannheimer Richter, Joachim Bock, kurz vor der erneuten Befragung der Frau. Mit ungewohnter Offenheit zeigte Bock damit, wie verärgert die Mannheimer darüber sind, von ihren Zeuginnen vor aller Welt seit Wochen derart vorgeführt zu werden. Denn neben Viola S. hatten noch zwei weitere Ex-Gespielinnen gegen Geld ihr Seelenleben in der Presse entblößt - und vor Gericht ebenfalls die Bezahlung nicht erwähnt. Der Zeugenrolle sei das "absolut unangemessen", rügte Bock. Dem Gerichtsverfahren müsse der notwendige Respekt entgegengebracht werden.

Dennoch wurde dem Antrag von Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn nur teilweise stattgegeben, die Öffentlichkeit bei der Vernehmung von Viola S. zuzulassen. Schwenn argumentierte, Viola S. habe durch die lukrative Titelgeschichte ihr Recht auf Persönlichkeitsschutz verspielt. Das Gericht schlug vor, die Befragung zu splitten und nur deren "Medienstrategie", wie Staatsanwalt Lars Torben Oltrogge den Selbstverkauf von Viola S. nannte, öffentlich auszuforschen. Das war bedauerlich, da die Hamburgerin als jene Frau gilt, deren Name auf den berühmten Flugtickets stand. Die Tickets sollen den Streit zwischen Claudia D. und Jörg Kachelmann ausgelöst haben, an dessen Ende die angebliche Vergewaltigung stand. Die Tickets weckten bei der 38-Jährigen angeblich den Verdacht, außer ihr gebe es noch eine weitere Frau im Leben von Kachelmann. Bis heute ist unklar, wie die Radiomoderatorin an die Kopien der Flugscheine geraten war. Einen angeblich anonymen Brief, der die Tickets mit dem Vermerk "Er schläft mit ihr" enthalten haben soll, hatte sie sich selbst geschrieben.

Dass sich das Gericht dennoch zum Ausschluss der Zuschauer entschloss, dürfte durchaus im Sinne des Angeklagten gewesen sein: Den Zuschauern und Journalisten im Saal 1 des Landgerichts wären sonst wohl so einige Details aus Kachelmanns Intim- und Familienleben zu Ohren gekommen, die dieser ungern in den Schlagzeilen gelesen hätte. Es sei schlimm genug, dass die angebliche Hochzeit von Kachelmann mit einer 25-jährigen Psychologiestudentin thematisiert worden sei, kritisierte Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker: "Das geht keinen etwas an, und das will auch keiner mehr wissen. Weder mein Mandant noch die Öffentlichkeit brauchen weitere Schnüffelreportagen aus seinem angeblichen Privatleben", sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die vor allem weiblichen Kachelmann-Fans im Landgericht schienen indes durchaus interessiert an der neuesten Entwicklung - aber auch ein wenig ratlos. Die Ausgabe der "Bild"-Zeitung, deren Titel ein Foto der dunkelhaarigen, 25-jährigen Frau aus Leipzig zeigte, ging von Hand zu Hand, allerorten wurde angestrengt darüber beraten, ob die Enthüllung nun "gut" für Kachelmann sei oder nicht. Sprich, ob sie dazu tauge, sein Image als zu gewalttätigen Übergriffen unfähiger Mensch zu stützen. Dabei ist die angebliche Eheschließung weiterhin unbestätigt. Weder Höcker noch Anwalt Schwenn wollten sich dazu äußern. Das Thema war nur deshalb in den Fokus gerückt, weil Kachelmann neuerdings einen goldenen Ring an der linken Hand trägt. Deswegen hatte ihn der Vorsitzende Richter Michael Seidling gefragt, ohne allerdings Auskunft zu bekommen, ob dieser Ring eine Bedeutung habe.

Laut Staatsanwaltschaft ist Kachelmann als Angeklagter nicht verpflichtet, Angaben zu seinem Familienstand zu machen. Die Aussage der, wenn die Gerüchte stimmen, frischgebackenen Ehefrau Kachelmanns vor Gericht wären jedenfalls zugelassen. Bei der Gattin soll es sich um die 25-jährige Miriam K. handeln, die bereits im September in Mannheim ausgesagt hatte. K. war bei der Verhaftung von Kachelmann am Frankfurter Flughafen anwesend und hatte ihn nach einem längeren Kanada-Aufenthalt wegen der Olympischen Winterspiele abgeholt. Die Polizisten, die Kachelmann aufgelauert hatten, um ihn zu verhaften, berichteten später von stürmischen Begrüßungsszenen.

Auch ihre Aussage war damals nicht öffentlich gemacht worden; nur die Angaben zur Person fanden vor Publikum statt. Auf die Frage, in welcher Beziehung sie zum Angeklagten stehe, hatte die Psychologie-Studentin geantwortet: "Nicht verheiratet, nicht verlobt". Als Angehörige hätte sie sich auf ihr Aussageverweigerungsrecht berufen können.

"Das Gericht fühlt sich am Nasenring durch die Manege geführt"

Joachim Bock, Einer der drei Richter im Kachelmann-Prozess