Südafrika

Bandenchef pflegt Vogelbaby

Bernard Mitchell sitzt wegen Mordes im Pollsmoor-Gefängnis in Südafrika. Früher war der stark tätowierte Mann einer der Bandenchefs des berüchtigten Gefängnisses, heute ist er Chefpfleger für Vogelbabys. Gerade schmust der 41-Jährige mit einem fünf Wochen alten Papageienküken. "Sie denken, ich sei ihre Mutter.

Sie sind fast wie Kinder", sagt er und pustet auf den Haferbrei, bevor er das Küken damit füttert. Das Projekt, bei dem Papageienküken von Hand aufgezogen werden, ist ein Erfolgsmodell. Viele Schwerkriminelle in dem berüchtigten Gefängnis sind wie verwandelt.

"Sie rühren einen", sagt Mitchell, der mit 14 Jahren zum ersten Mal in Haft war. "Ich habe so eine liebevolle Behandlung nie erfahren. Ich war früher sehr aggressiv, bei vielen Messerstechereien dabei, hatte einen schlechten Ruf. Die Vögel lehrten mich, geduldig zu sein. Ich kann mit ihnen nicht aggressiv sein. Ich muss sie liebhaben, mich um sie kümmern, sie füttern."

Anti-Apartheids-Ikone Nelson Mandela verbrachte sechs Jahr in Pollsmoor. Inzwischen sitzen hier einige der gefährlichsten Kriminellen Südafrikas; in dem Land werden jeden Tag 46 Menschen ermordet. Die Vögel bringen Wärme in den sonst so trostlosen Gefängnisalltag.

Ausgewählte Häftlinge kümmern sich in einem extra Gebäudeflügel um ihre Schützlinge. Sie tragen orangefarbene Anzüge, sind umgeben von hellen, tropisch anmutenden Wandgemälden. Die zwölf Plätze des Programms sind heiß begehrt. Wer aufgenommen wird, darf keiner Bande angehören, nicht rauchen und keine Drogen nehmen. Sogar Fluchen ist tabu. Dafür darf er die 6,25 Quadratmeter große Zelle allein bewohnen, statt sie wie sonst mit zwei anderen teilen zu müssen. Für die Pflege der Vogelbabys kommen ein beheizter Brutkasten und ein Käfig in die Zelle.

Jedes Küken wird täglich gewogen, das Gewicht notiert. In manchen Fällen steht alle zwei Stunden eine Fütterung an, bis die Papageien ihr volles Federkleid haben. Dann werden sie an Vogelliebhaber verkauft. Das Projekt finanziert sich selbst, aus den Verkaufserlösen werden neue Küken angeschafft, ein Teil geht an die Häftlinge. Manche Vogelbabys wie Graupapageien kosten bis zu 153 Euro.

1997 wurde das Projekt von dem Gefängnisbeamten Wikus Gresse ins Leben gerufen. Er glaubte an die Kraft von Tieren, auch die hartgesottensten Charaktere zu besänftigen. "Man kann ein Mörder sein, entscheidend für mich ist aber, dass man über eine gewisse Zeit im Gefängnis zeigt, dass man sich benehmen kann und ein besseres Leben will", sagt Gresse. "Die Vögel helfen dabei."

Lento Kindo fällt es schwer, sich nach der Aufzucht von den Vögeln zu trennen. Er streichelt einen Mohrenkopfpapagei am Bauch, der sich wohlig in seine Hand kuschelt. "Es bricht einem das Herz", sagt der 31-Jährige, der wegen Raubes einsitzt. "Es ist fast, als würde man seine Babys weggeben." Der 37-jährige Lesley Jacobs sagt: "Mir ist egal, wie lange ich sitzen muss, weil mich die Vögel beschäftigen." Aggressivität und Gewaltausbrüche gegen Wärter gehören bei den Vogelmännern der Vergangenheit an. Manchmal erhalten sie per Post sogar Lob von den neuen Besitzern - für die Männer eine ganz neue Erfahrung.