Prozess

Rache für den Tod der Tochter

Der kommende Dienstag ist der Tag, auf den André Bamberski 28 Jahre gewartet hat. Das Pariser Schwurgericht eröffnet den Prozess gegen den deutschen Arzt Dieter Krombach.

Krombach soll im Juli 1982 in Lindau am Bodensee seine damals 14 Jahre alte Stieftochter Kalinka Bamberski getötet haben, nachdem er sie zuvor betäubte, um sie sexuell zu missbrauchen. Kalinka Bamberski war André Bamberskis Tochter. Kalinkas Mutter war in zweiter Ehe mit Krombach verheiratet.

Dass Krombach, der in Deutschland 1982 mangels Beweisen nicht verurteilt werden konnte, nun in Frankreich vor Gericht gestellt wird, ist die Folge einer weiteren Straftat: Am 17. Oktober 2009 hatten ihn drei Männer in seinem Wohnort im Allgäu zusammengeschlagen. Der damals 74 Jahre alte Arzt wollte abends noch einen Brief einwerfen. Die Männer packten ihn in einen Wagen und fuhren ihn ins rund 250 Kilometer entfernte Mulhouse. Dort, in der Rue du Tilleul, legten sie Krombach ab, nur wenige Schritte entfernt von der Wache des Polizeikommissariats 5. Der Auftraggeber der Entführung war André Bamberski. Bald wird sich der 74-jährige Vater dafür selbst vor Gericht verantworten müssen. Am Dienstag jedoch wird er in Paris im Gerichtssaal sitzen, wenn der Prozess gegen den Mann eröffnet wird, den er für den Mörder seiner Tochter hält.

Seit beinahe 30 Jahren kämpft Bamberski darum, dass seiner Tochter Gerechtigkeit widerfährt. Lange war es ein ziemlich einsamer Kampf. Der Fall beginnt am 9. Juli 1982. Kalinka Bamberski verbringt die Sommerferien bei ihrer Mutter am Bodensee. Der Vater lebt in Toulouse in Südfrankreich. Die Mutter Danielle war mittlerweile mit Dieter Krombach verheiratet, der in Lindau eine Praxis betrieb. Kalinka ist 14, sie besucht ein Internat in Freiburg, will nach den Sommerferien aber wieder zu ihrem Vater nach Frankreich ziehen. Kalinka ist allem Anschein nach gesund. Trotzdem injiziert ihr Dieter Krombach häufiger Eisenpräparate. Eine medizinisch fragwürdige Entscheidung, das Mädchen litt nicht an Eisenmangel. Es kann zu Eisenschocks kommen. Am Abend des 9. Juli 1982 soll Krombach Kalinka eine Dosis Kobalt-Ferrlecit in den Arm gespritzt haben. Da das Mädchen sich wenig später beklagt, sie könne nicht schlafen, gibt er ihr auch noch eine Schlaftablette. Am nächsten Morgen ist Kalinka tot. Bei der Obduktion werden später weitere Einstichstellen am Körper des Mädchens gefunden. Krombach wird behaupten, er habe weitere Spritzen gesetzt, um das Mädchen "wiederzubeleben." Doch da Kalinka an einem Sonnabend stirbt, wird diese Obduktion erst 72 Stunden später durchgeführt. Da hat die Verwesung bereits eingesetzt. Der Gerichtsmediziner entdeckt Flüssigkeiten im Genitalbereich und einen "Dehnungsriss" der Schamlippe - Anzeichen für ein Sexualverbrechen. Die Todesursache wird nicht eindeutig ermittelt. Der Autopsiebericht wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet.

Seither treibt Kalinkas Vater der Verdacht um, Krombach habe seine Tochter missbraucht und sei für ihren Tod verantwortlich. Es kommt zu einem Verfahren. Doch im September 1987 erklärt das Oberlandesgericht München den Fall für erledigt. Krombach sei nicht nachzuweisen, dass er durch das Eisenpräparat Kalinkas Tod fahrlässig in Kauf genommen habe. Für ein Sexualverbrechen finden sich ebenfalls keine Beweise. Auch deshalb nicht, weil der Gerichtsmediziner die sezierten Geschlechtsorgane entsorgen ließ. Bamberski wird seither den Verdacht nicht los, dass Krombach möglicherweise gedeckt wurde. Er schafft es, dass der Fall in Frankreich erneut vor Gericht geht - allerdings in Abwesenheit Krombachs. Ein Pariser Gericht verurteilt ihn im März 1995 wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu 15 Jahren Haft. Kein Verteidiger vertrat Krombach. Diese Praxis erklärt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte für ungültig und hebt das Urteil auf. Der französische Haftbefehl gegen Krombach jedoch blieb bestehen. Dann jedoch erhielt der Fall eine Wende: Im Februar 1997 vergeht sich Krombach in seiner Praxis an einer 16 Jahre alten Schülerin, die er zuvor narkotisiert hat. Das Landgericht Kempten verurteilt ihn im Herbst 1997 wegen "sexuellen Missbrauchs Widerstandsunfähiger" lediglich zu zwei Jahren auf Bewährung. In Lindau, wo Krombach bis dahin zu den Honoratioren gehörte, wendet man sich von ihm ab. Zugleich beginnt man, sich an den Fall Kalinka zu erinnern.

Krombach muss eine Praxis verkaufen, gesellschaftlich ist er geächtet. Doch er arbeitet weiter: In Stuttgart, Landshut, Köln und an anderen Orten wirkt er in Krankenhäusern und Arztpraxen. Dass er keine Approbation mehr besitzt, verschweigt er. Ende 2006 fliegt er auf. Bis 2008 sitzt er in Haft. Kalinkas Mutter Danielle ist seit Langem von Krombach geschieden und lebt wieder in Frankreich. Sie hat sich zu dem Fall nur einmal geäußert und meidet die Medien. 2001 sagte sie einer Zeitung, sie wünsche sich, Krombach würde sich vor Gericht den Vorwürfen stellen.

Krombach leidet bis heute an den Folgen des Überfalls, bei dem er eine Schädelfraktur erlitt. Noch ist unklar, ob er gesundheitlich überhaupt in der Lage sein wird, an dem Prozess teilzunehmen.