Fahndung

Der Täter kam lautlos und unbemerkt

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Hermann Weiß

Im Fall der beiden am Donnerstagmorgen tot aufgefundenen Mädchen aus Krailling in Bayern tappt die Polizei bislang noch immer im Dunkeln.

Nach der Obduktion der Leichen im Institut für Rechtsmedizin der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität steht fest, dass die Mädchen eines gewaltsamen Todes gestorben sind, teilte Oberstaatsanwältin Andrea Titz am Freitag mit. Eine eigens eingerichtete Sonderkommission ermittle derzeit "in alle Richtungen", so Titz. Markus Kraus, Sprecher der Mordkommission, bestätigte, dass allein am Donnerstag 30 Vernehmungen durchgeführt worden seien, die sich zum Teil über mehrere Stunden hingezogen hätten. Verhört wurden unter anderem die Mutter der Mädchen, ihr Lebensgefährte und ihr geschiedener Mann und Vater der Kinder.

Nach den bisherigen Ermittlungen hat Annette S. die Kraillinger Wohnung um 22.30 Uhr verlassen. Sie arbeitete in der Kneipe "Schabernack", die ihrem Lebensgefährten gehört, knapp 100 Meter von ihrer Wohnung entfernt. Als S. gegen 4.40 Uhr mit ihrem Lebensgefährten nach Hause zurückkehrte, fand sie beiden Mädchen "leblos" in der Wohnung, ihr Lebensgefährte rief daraufhin die Polizei. Die Beamten kümmerten sich um die Mädchen, versuchten, sie zu reaninimieren, bis der Notarzt kam. Der konnte nur noch den Tod feststellen.

Chiara (8) und Sharon (11) sind eindeutig Opfer eines Verbrechens geworden, so Andrea Titz. Ein am Tatort gefundenes Messer habe dabei "eine Rolle gespielt", Anhaltspunkte für einen sexuellen Hintergrund der Tat gebe es nach der Obduktion nicht. Einbruchsspuren wurden keine festgestellt, allerdings, so Markus Kraus, war die Haustür, die gleichzeitig auch die Wohnungstür ist, ohne Weiteres zugänglich: Annette S. hatte wie immer, wenn sie arbeiten ging und die Kinder zu Hause blieben, nicht abgesperrt - angeblich, damit Chiara und Sharon im Brandfall fliehen könnten. "Sie müssen nur den Drehknopf der Tür betätigen, dann sind Sie drin", so Markus Kraus. Dies machte sich der Täter ganz offenbar zunutze. Nur wer bringt zwei arg- und wehrlose Kinder auf so brutale Weise um? Und vor allem: Warum?

Offenbar war die familiäre Situation von Annette S., auch nach Einschätzung von Bekannten und Nachbarn, intakt: Zum geschiedenen Ehemann und Vater der Mädchen hatte sie demnach ein entspanntes Verhältnis. Auch das Verhältnis zu ihrem momentanen Lebensgefährten war in Ordnung.

Neben dem unmittelbaren Umfeld konzentrieren sich die Ermittlungen auf die gut 50 Gäste, die sich im "Schabernack" aufgehalten haben. Und auch die Erinnerungen an ein ähnliches Verbrechen, das ebenfalls in Bayern geschah, kommen wieder hoch. Am Faschingsdienstag 2002 war ein junger Mann mit einer Totenkopfmaske in das Zimmer der damals zwölf Jahre alten Vanessa aus Gesthofen bei Augsburg eingestiegen und hatte das Mädchen erstochen. Der Täter sagte später vor Gericht, seine Tat sei nicht geplant gewesen, er habe Vanessa "nur erschrecken wollen". Als sie aufwachte, habe er "aus Angst" zugestochen.