Gedenken

Wer hat Angst vor Liz Taylor?

Es waren ihre Augen, in die man stürzte und in die man sich stürzen wollte. Verschlingend, abgrundtief, hasserfüllt als Martha in "Virginia Woolf", sexuell glitzernd, Männer und Reiche verschlingend in "Cleopatra".

Die Magie dieser wunderbaren gefährlichen Augen, die Männer abschätzten und entmannten, hat Liz Taylor niemals verloren. Auch nicht, als ihr Alter, Krankheit, Botox und Enttäuschung das Gesicht verzogen. Auch nicht, als sie sich mit Diamanten panzerte, um ihre Vergänglichkeit zu maskieren.

Hätte Elizabeth Taylor in ihren Filmen nie mehr getan und gesagt, als ihre Männer anzusehen, von Montgomery Clift über Rock Hudson und James Dean bis Richard Burton, wir müssten uns auch dann vor einer der großen Hollywoodschauspielerinnen verneigen.

Sie begann als hübscher, verwöhnter Kinderstar. Und verwöhnt blieb sie beinahe in jeder Rolle. Wenige Stars konnten so hochmütig und anziehend sein wie sie. Jeder Zuschauer, der die Männer beneidete, die Taylor küssen durften, ahnte, dass sie sein Verderben wäre. Bei Liz Taylor fürchtete man, dass die Männer Haus, Hof, Familien und endlich den Verstand verlieren - und als selige Narren herumlaufen, die glauben, das sei es wert gewesen.

Deshalb durfte und musste sie 1963 auch Cleopatra sein. Das Überirdische, der Pomp, das Pathos der berühmtesten Femme fatale der Weltgeschichte musste ihr Antlitz tragen - und ihre Augen. Es ist viel gespottet worden über diesen Film, der die Antike unverschämt disneylandisierte, dass es eine Pracht war.

Auch Taylor erntete Hohn. Zu statuenhaft, zu schwülstig, hieß. Doch wer seinen Neid und seine Eifersucht überwand, musste zugeben, dass Elizabeth Taylor und Richard Burton (als Marcus Antonius) den ersten fortgesetzten Beischlaf in einem Hollywoodfilm ausübten.

Ohne eine Nacktszene, allein mit lüsternen Blicken und Berührungen, die Feuerwerken glichen. Burton war der Erste, der dieser verschlingenden Frau gewachsen war. Sie waren das Traum- und Albtraumpaar der 60er-Jahre. In sieben Filmen küssten und schlugen und verfluchten sie einander: Vulgarität prallte auf walisische Brutalität und explodierte. Es zählt zu den Segnungen der Filmgeschichte, dass ein Hassliebespaar wie Taylor/Burton sich bereit erklärte, das ultimative Hassliebespaar in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" zu spielen. Liz bekam dafür den verdienten Oscar als beste Darstellerin, Richard ging, wie mehr als ein halbes Dutzend Mal bei seinen Nominierungen, leer aus. Die Gemeinheit, Verlogenheit und unerträgliche Ehrlichkeit des Paars auf dem friedlichen Universitätscampus zählt zu den großen Paartherapien, die Hollywood je inszenierte.

Elizabeth Taylor vermochte Königin und Schlampe zu sein, und beide konnte man anbeten. Wenn man keine Angst hatte vor ihrer Leidenschaft und der Sucht, die sie stiftete. Normalität, Ehealltag unter Liebenden, Mutterliebe lag nicht in ihrem brennenden Blick.

Wer hatte Angst vor Elizabeth Taylor? Männer, nach Legionen zählend. Sie zählte zu den vorfeministischen Stars, die ihre Überlegenheit und Härte, ihre Ansprüche und Langeweile mit den alten Rollenspielen verbergen mussten. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als verwöhnt, kratzbürstig, männermordend zu sein, Frauen auf derselben Augenhöhe waren noch nicht vorgesehen.

Hätte ich einen Wunsch frei, ich hätte Elizabeth Taylor gern auf der Bühne gesehen. Am besten mit Burton, 1966 im Oxford Playhouse, als trojanische Helena in "Die tragische Historie vom Doktor Faustus". Nahe genug, um sie riechen zu können. Zu spät. Gestern starb die Schauspielerin im Alter von 79 Jahren. Wen die Götter lieben, den nehmen sie zu sich.