Twitter

Eine Revolution in 140 Zeichen

Als die Menschen im Iran 2009 gegen das Mullah-Regime auf die Straße gingen, konnten die Menschen auf der ganze Welt das brutale Vorgehen der Machthaber miterleben - in Echtzeit über Twitter. Und als nach dem verheerenden Erdbeben in Japan die Telefonleitungen ausfielen, konnte man über Twitter zumindest ein Lebenszeichen absetzen.

Dieses Twitter. Es hat Börsenkurse bewegt und Diktatoren Angst eingejagt. Was vor fünf Jahren als Ergebnis einer munteren Brainstorming-Runde entstand, ist für Millionen Menschen nicht mehr wegzudenken. Der Dienst an sich ist simpel: Nutzer veröffentlichen Nachrichten von maximal 140 Zeichen Länge - kürzer als eine SMS.

Auch die Demonstranten in Ägypten und Tunesien verbreiteten so ihre Botschaften und Bilder oder lenkten die Proteste. Ereignisse wie diese machten Twitter berühmt und lockten die Nutzer in Scharen. Sie zeigen auch, welche Macht dieses mobile Medium in seinem noch kurzen Bestehen schon erlangt hat.

Grenzenlose Vernetzung

In diesen Tagen wird Twitter nun fünf Jahre alt. Am 21. März 2006 schickte der Kalifornier Jack Dorsey die erste Mitteilung los: "Richte soeben mein Twitter ein." Die Idee entstand bei einem Brainstorming der Firma Odeo, die von San Francisco aus einen Podcasting-Dienst entwickeln wollte. Dorsey schlug vor, kurze Statusmeldungen an alle Teammitglieder per SMS zu senden, damit jeder weiß, woran die anderen arbeiten. Er entwickelte die Idee mit seinen Kollegen Biz Stone und Evan Williams weiter, und sie gründeten ein gutes Jahr nach dem ersten Tweet eine eigene Firma unter dem heutigen Namen Twitter Inc.

Grenzenlose Vernetzung, direkte Kommunikation, Meinungsaustausch ohne Hürden - ermöglicht übers Internet, abrufbar am Computer oder am Mobiltelefon: Die drei Tüftler hatten früh das Gefühl, mit Twitter den Nerv der Zeit zu treffen. "Bei all dem Spaß, den wir hatten, war im Hinterkopf doch immer die Vorstellung, dass sich daraus etwas Wichtiges entwickeln könnte", sagt Twitter-Mitbegründer Stone. "Das haben wir damals allerdings nicht laut gesagt."

Die gegenwärtige Entwicklung bestätigt den anfänglichen Optimismus. Im vergangenen Jahr schickten Twitter-Nutzer 25 Milliarden Kurzbotschaften, sogenannte "Tweets", hinaus in die Welt. Twitter beschäftigt inzwischen 400 Menschen, fast jede Woche kommen neue Mitarbeiter hinzu. Was Twitter genau ist, hängt davon ab, was man daraus macht. Wer Tweets von Medienhäusern, Bloggern und Promis abonniert, stellt sich einen Nachrichtenticker zusammen, in dem sich Eilmeldungen, Analysen und Tratsch mischen.

Augenzeugenberichte lassen Menschen in aller Welt an Katastrophen wie in Japan oder Revolutionen wie in Ägypten teilhaben. Und wer Freunde hat, die ihr Frühstück oder den "Tatort" kommentieren - beides keine Seltenheit -, hat ein Befindlichkeits-Barometer.

Was anfangs als Netzwerk zum Austausch von Belanglosigkeiten belächelt wurde, ist zum machtvollen Instrument sozialen Wandels geworden. Die Plattform hat an politischer und gesellschaftlicher Relevanz gewonnen. "Es ist nicht unbedingt ein Triumph der Technologie, sondern ein Triumph der Menschlichkeit", erklärt sich Stone den Erfolg. "Wir sind nicht erfolgreich wegen unserer Algorithmen und Geräte, sondern durch das, was die Menschen damit machen."

Und die Menschen machen viel damit, die Nutzerzahlen belegen es. Derzeit melden sich täglich 460 000 neue Nutzer an. "Es geht darum, den Interessen zu folgen, den Dingen, die einen faszinieren", sagt Stone. "Es geht um Nachrichten und Informationen, die man sonst nicht bekommen würde." Twitter verschafft den Nutzern Zugang zu Menschen, an die sie sonst nicht herankommen würden. Nutzer können zum Beispiel die Tweets ihrer Idole abonnieren und in Echtzeit verfolgen. Die meisten registrierten Abonnenten ("Follower") hat Popstar Lady Gaga - es sind fast neun Millionen. Teenie-Idol Justin Bieber kommt auf 8,1 Millionen Follower, US-Präsident Barack Obama liegt mit knapp sieben Millionen auf Platz vier.

Noch nicht profitabel

Twitter ist erfolgreich, und doch gibt es eine wunde Stelle: Die Beliebtheit schlägt sich noch nicht in Einnahmen nieder, in finanzieller Hinsicht ist Twitter nicht profitabel. "Wir sind erst in der Anfangsphase der Einnahmesteigerung", sagt Stone. Umsatz bringen bislang vor allem Kooperationen mit den Suchmaschinen Google und Bing, die ihre Ergebnisse um Echtzeit-Meldungen aus Twitter ergänzen. Werbung bringt dagegen noch nicht den erhofften Umsatz - und wird von manchen Anwendern auch kritisch gesehen. "Wir probieren aus, was funktioniert und was nicht", sagt Mitbegründer Stone.

Er vergleicht den Entwicklungsstand von Twitter mit dem eines Kindes, das gerade erst in den Kindergarten kommt. "Wir stehen hier gerade erst am Anfang eines Lebens voller Potenzial und Abenteuer", sagt Stone. "In den vergangenen Jahren haben wir eigentlich erst laufen gelernt."