Magnus Gäfgen

Der Mörder sieht sich als Opfer

Es geht ums Mittagessen. Nur bis 13 Uhr, meint Richter Christoph Hefter gutmütig, als er am Morgen den Ablauf des Prozesstags plant, nur bis 13 Uhr biete die Gerichtskantine warmes Essen an. Er werde daher rechtzeitig eine Pause einlegen. "Damit Sie, Herr Gäfgen, eine warme Mahlzeit bekommen können."

Laute Empörung im Publikum ob solcher Rücksichtnahme: Magnus Gäfgen, 2003 in genau diesem Gerichtssaal zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er den elfjährigen Bankierssohn Jakob von Metzler entführte und ermordete, zieht Hass und Feindseligkeit auf sich. Selbst wenn er gar nichts sagt oder tut oder wenn er, wie an diesem Tag, als Kläger und angebliches Opfer vor Gericht sitzt.

Um Folter soll es gehen an diesem Tag vor der 4. Zivilkammer am Landgericht Frankfurt, auch wenn das Wort während der gesamten Aussage von Magnus Gäfgen (35) tatsächlich kein einziges Mal fällt. Dennoch, der ehemalige Jurastudent mit dem Chorknabengesicht verklagt das Land Hessen auf Schmerzensgeld und Schadenersatz, weil er traumatisiert worden sein will. Es geht um 15 000 Euro. Ein Polizist habe ihn bei der Vernehmung nach der Festnahme hart angefasst, ihm mit einem Spezialisten gedroht, der ihm Schmerzen zufügen könne. Die Rede soll von "Negern" gewesen sein, die ihn in einer Zelle vergewaltigen würden. Und der Beamte soll ihn "geschubst und mit dem Handballen auf die Brust geschlagen" haben, berichtet Gäfgen.

Die Polizei wollte damals von dem Beschuldigten den Aufenthaltsort des Jungen erfahren, der kurz zuvor entführt worden war. Erst später gab Gäfgen zu, dass das Kind bereits tot war. Der beklagte Beamte Ortwin E. konnte das zum Zeitpunkt des Verhörs noch nicht wissen.

Richter Hefter hört sich alles geduldig an, spricht alle Aussagen auf ein Band. Doch irgendwann scheint ihm doch die Geduld auszugehen: "Jetzt muss ich doch mal rückfragen", hebt er an. "Sie sind doch kein unintelligenter Mensch. Konnten Sie als Jurist nicht verstehen, dass die Polizei sich so verhalten hat, weil sie das Leben des Jungen retten wollte?" Doch, antwortet Gäfgen fast beflissen. Selbstverständlich habe er die ganze Zeit über gewusst, "dass die Polizei unter einem gewissen Druck steht und eine Lösung will". Aber er habe sich ja nun einmal entschlossen, dass er "zu diesen Dingen" nichts sagen wollte. "Ich bin davon ausgegangen, dass das respektiert wird und mir dieser Schutz erhalten bleibt", sagt Gäfgen.

Der Häftling, in schwarzem Jackett und weißem Hemd, aber ohne Krawatte vor Gericht, zeigte sich von Beginn an seltsam unberührt von seiner Tat. So als habe der Mord an dem Kind mit ihm nichts zu tun - oder als sei das nebensächlich. Er selbst dagegen habe "Angst und Hilflosigkeit" verspürt, als der Polizist Druck aufgebaut und Drohkulissen entworfen habe. Zehn Minuten lang soll das so gegangen sein. Dann gab Gäfgen auf und verriet, wo der das Kind versteckt hatte.

Wie verzerrt Gäfgens Wahrnehmung offenbar ist, wurde zuvor deutlich. Er hatte über seine Festnahme am Frankfurter Flughafen berichtet. Mit seinem Wagen, die Freundin auf dem Beifahrersitz, war Gäfgen in die Tiefgarage gefahren. Plötzlich sei das Auto belagert worden. Gäfgen hatte immer wieder gerufen: "Wer seid ihr? Was wollt ihr?" Erst nach mehreren Minuten, er lag schon am Boden, habe sich jemand als Polizist kenntlich gemacht. "Erst da wurde mir klar, dass es sich um Polizeibeamte handelte und nicht etwa um einen Überfall", sagte der Mann, der damals nur wenige Tage zuvor ein Kind erstickt hatte und gerade samt Lösegeld in Urlaub fliegen wollte.

Der beklagte Beamte Ortwin E. beteuert, Gäfgen während des Verhörs nicht angefasst zu haben. "Um Gottes willen. Der strahlte so eine Kälte aus. Ich habe den in meinem Leben noch nicht berührt." Er habe Gäfgen auch nicht gedroht, dass er im Gefängnis von "zwei großen Negern" vergewaltigt werden könnte. Seine Aussage steht damit gegen jene des Kindsmörders, denn die beiden Männer waren allein in dem Vernehmungszimmer. Der Kriminalbeamte bestätigte allerdings, Gäfgen mit Gewalt und Wahrheitsserum für den Fall gedroht zu haben, dass er nicht schleunigst das Versteck des Kindes preisgebe.

Der Vernehmungsbeamte und Polizeivizechef Wolfgang Daschner waren deswegen 2004 in einem besonderen Strafprozess zu Geldstrafen auf Bewährung verurteilt worden. Daschner erklärte am Donnerstag, dass die Folterdrohungen nicht von allerhöchster Stelle gebilligt worden sind. Er nannte erstmals den damaligen LKA-Chef Norbert Nedela als ständigen Kontaktmann im Entführungsfall. Mit dem damaligen Innenminister und heutigen Ministerpräsident Volker Bouffier, der im Urlaub gewesen sei oder seinem Staatssekretär Udo Corts (beide CDU) habe er nie gesprochen.

"Um Gottes willen. Der strahlte so eine Kälte aus. Ich habe den in meinem Leben noch nicht berührt"

Ortwin E., beklagter Polizeibeamter