Fernsehen

Nicht ohne meinen Sohn

Marco fehlt. Sie sagt, sie werde diesen schlimmen Traum nicht vergessen. Ein Gerichtssaal in Antalya, voll besetzt. Alle sind sie wegen ihres Sohnes gekommen. Marco, 17 Jahre alt. Die Kameras sind auf die Anklagebank gerichtet. Dort hat er sonst immer gehockt, die Augen leer, die Wangen eingefallen, die Haare kurz geschoren bis auf die Kopfhaut.

Doch heute bleibt Marcos Platz leer. Seine Mutter spürt, wie sich ihr Puls beschleunigt. Der Richter räuspert sich. Er sagt: "Marco kann nicht kommen." Stille. Dann rutscht ihm dieser Satz über die Lippen, der ihr bis heute nicht mehr aus dem Kopf geht. "Er lebt nicht mehr." Martina Weiss (53) verstummt. Sie ist die Mutter des Jungen aus dem niedersächsischen Uelzen, dessen Name 2007 monatelang in den Nachrichten war.

Über Nacht wurde er zum Protagonisten einer Geschichte, die von verbotenen Zärtlichkeiten mit einer 13-Jährigen im Urlaub in Antalya erzählt, von menschenunwürdigen Bedingungen im Gefängnis und von einer Belastungsprobe für die deutsch-türkischen Beziehungen.

Sat.1 hat die Geschichte verfilmen lassen, "Marco W. - 247 Tage im türkischen Gefängnis". Ein Film mit Veronica Ferres in der Rolle als Mutter, die bis an die Grenzen ihrer Kräfte geht, um ihren Sohn freizubekommen. Das Werk ist der Grund dafür, warum Martina Weiss sich durchgerungen hat, ein Interview zu geben. Warum sie auch Dinge erzählt, die der Film ausspart. Zum Beispiel, dass sie sich noch immer vorwirft, dass sie Marco ohne Anwalt zur ersten Vernehmung geschickt hat. Oder eben die Geschichte von ihrem Albtraum aus dem Gerichtssaal. Sie sagt: "Meine größte Angst war, dass sich Marco in der Haft etwas antut."

Marcos Psyche hat einen Riss

Man trifft sie in einem Restaurant. Martina Weiss kommt in der Mittagspause von ihrem Job als Bewährungshelferin vorbei. Eine stattliche Frau mit dicken blonden Haaren, die ein freundliches Gesicht einrahmen. Das Aufnahmegerät muss ausbleiben, da ist sie kompromisslos. Auch Marco bleibt außen vor. Sie sagt, seine Psyche habe einen Riss bekommen. Es sei ihre Aufgabe, ihn zu beschützen. Sie wirft ihrem Mann einen vielsagenden Blick zu. Ralf Jahns behält seine Wollmütze auf. Sein Bart ist ab, die Wimpern sind ihm ausgefallen. Eine Folge jener Leukämie-Erkrankung, die ihn vor jenem Türkei-Urlaub befiel, der das Leben der Familie verändern sollte.

247 Tage lang zog sich der Prozess hin. Der Film ruft die Erinnerung daran noch einmal wach. Herbst 2007. Übertragungswagen parken die Straße vor ihrem Einfamilienhaus in Uelzen zu. Keine Spur von Familie Weiss. Martina Weiss hat die Rollläden heruntergelassen. Sie ist da - und doch weit weg. Sie lebt für den Moment, da das Faxgerät anspringt und eine neue Nachricht von ihrem "kleinen Prinzen" kommt. So hat sie Marco genannt, als er noch ein Baby war. Die blonden Haare standen ihm zu Berge wie der gleichnamigen Figur aus dem Buch von Antoine de Saint-Exupéry, das sie so liebt.

Sie sagt, der Film der Kölner Produktionsfirma Zeitsprung ("Contergan") vermittele nur eine ungefähre Vorstellung von dem Drama, das über die Familie einbrach, nachdem Marco verhaftet wurde, weil ihn die Mutter einer 13-jährigen Urlaubsbekanntschaft beschuldigte, er habe ihre Tochter sexuell missbraucht. Der Film entführt die Zuschauer ins Gefängnis, wo sich Marco (Vladimir Burlakov) eine Zelle und ein Klo mit 35 schweren Jungs teilt, die sich Heroin spritzen und nach ihren eigenen Gesetzen leben.

Er zeigt aber auch, wie Martina Weiss zwischen Uelzen und Antalya pendelt, wie sie ihrem Sohn bei jeder Gerichtsverhandlung beisteht oder ihn im Gefängnis besucht. Sie sagt, dreimal im Monat sei sie in die Türkei geflogen. Es war ein Kraftakt. Heute fragt sie sich manchmal, wie sie das nur geschafft hat. Wie sie nach der Arbeit zum Flughafen gerast ist, um das Flugzeug nach Antalya zu erwischen. Wie sie am Morgen von Konsulat zu Staatsanwaltschaft gehetzt ist, um sich Stempel und Papiere abzuholen. Und wie sie dann in diesem engen Besuchsraum im Gefängnis saß und mit den Tränen kämpfte, weil der Junge hinter der vergitterten Glasscheibe jedes Mal weniger wurde, wie es ihr vorkam. Und mutloser.

Der Film zeigt Marco als Opfer

Sie hätte ihm gerne erzählt, dass ein Gynäkologe keine Beweise für den Vorwurf gefunden hatte, dass Marco die 13-jährige Charlotte zum Sex gezwungen hätte. Dass sie ihm glaube, dass ihm das Mädchen vorgeschwindelt habe, es sei schon 15 Jahre alt. Doch zehn Minuten waren dafür zu knapp, das Telefon rauschte. Und wer wusste schon, wer mithört.

Martina Weiss erzählt das ganz nüchtern. Es ist wohl dieser Pragmatismus, der ihr geholfen hat, die 247 Tage durchzuhalten, die Marco im Gefängnis saß. Glaubt man Martina Weiss, musste die Familie einen sechsstelligen Betrag für Anwälte, Übersetzer und Flüge berappen.

Ein Fall, viele Facetten. Der Film fächert sie auf. Martina Weiss sagt, sie habe ein Mitspracherecht beim Drehbuch gehabt. Der Film stellt Marco als Opfer dar, nicht als Täter. Das ist ihr wichtig. Es geht ihr um Gerechtigkeit für ihren Sohn.

Das Gericht in Antalya hat ihn 2009 wegen sexuellen Kindesmissbrauchs zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten auf Bewährung verurteilt. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Marcos Anwälte haben Revision eingelegt. Marco ist jetzt von zu Hause ausgezogen. Er hat eine Ausbildung zum Rettungssanitäter begonnen. Martina Weiss sagt, eigentlich habe er das Fachabitur nachholen und studieren wollen. Doch seit der Haft könne er sich nicht mehr lange konzentrieren. Eine Sorgenfalte erscheint auf ihrer Stirn.

Draußen vor dem Restaurant hat es zu regnen begonnen. Sie schlüpft in ihren Parka und holt ihr Rad. Sie strampelt nach Hause. Irgendwie muss es weitergehen.

"Marco W. - 247 Tage im türkischen Knast": Sat.1, 22. März, 20.15 Uhr.