Tiere

Der erfolgreichste Kater im Dienste ihrer Majestät

Eines Tages im Jahre 1989 stand er vor der Tür Margaret Thatchers, der britischen Premierministerin, in der Londoner Downing Street: Humphrey, der schwarz-weiße Kater. Er war gekommen, um zu bleiben.

Ein Jahr war Humphrey da alt, und es war der Beginn einer der erstaunlichsten Karriere in dem 500 Jahre alten Haus. Bis zum Jahr 1997 war der Kater dort offizieller Mäusefänger. Unter Thatcher, unter John Major und ein paar Monate noch unter Tony Blair. Zugeordnet war er dem Cabinet Office, das sich nicht nur um seinen Etat kümmerte (100 Pfund Sterling pro Haushaltsjahr für Katzenfutter), sondern auch seine Öffentlichkeitsarbeit erledigte.

Mit der Krone im Briefkopf beantwortete der Bürochef alle Anfragen der Presse an ihn sowie die umfangreiche Fanpost. Auch gingen Dutzende Pressemitteilungen heraus bei den wichtigsten Wegmarken seiner Dienstzeit. Humphrey, der Medienstar, starb am 15. März 2006, im stolzen Alter von 16 Jahren. Als "bestes Beispiel praktischen Thatcherismus" bezeichnete der "Guardian" damals die Einstellung Humphreys: hohe Effizienz trotz Dumpinglohns. In den Jahren zuvor hatte ein professioneller Kammerjäger die Mäusejagd übernommen. Doch der konnte trotz seines beachtlichen Jahreshonorars von 4000 Pfund keine einzige Maus fangen, wie es hieß. Damals waren manche Häuser in der Downing Street in einem bedauernswerten Zustand, und der St.-James-Park, Heimat von Ratten und Mäusen, liegt gleich nebenan. Der neue Kater kam also gerade recht.

"Humphrey ist ein Workaholic"

Die Regierungsbeamten nannten ihn nach dem Staatssekretär Sir Humphrey Appleby aus der TV-Sitcom "Yes, Minister". Darüber wurde die Presse in einem Memo umgehend informiert. Als das Cabinet Office kurz darauf noch kundtat, "Humphrey ist ein Workaholic, er verbringt fast die gesamte Zeit in seinen Diensträumen", entspann sich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Medien und den Beamten der Downing Street: Wer würde den trefflicheren Ton finden, um den britischen Humor hier auf die Spitze zu treiben?

Es hagelte Presseanfragen nach Interviews, die das Cabinet Office alle abwies: "Wir weisen darauf hin, dass es Humphrey laut Beamtenrecht nicht gestattet ist, sich gegenüber der Presse zu äußern." Die Pressestelle sei aber gern bereit, allfällige Fragen zu beantworten. Als bei Thatchers Rücktritt Anfragen über Humphreys Zukunft eingingen, lautete die Antwort: "Anders als im Falle von Socks, Katze von US-Präsident Clinton, ist Humphrey kein Privatbesitz, sondern dem Cabinet Office unterstellt." Als der Kater im November 1993 erkrankte, ging eine Note des Quartiermeisters der Downing Street an alle Bediensteten des Hauses: "Humphrey, der Whitehall-Office-Kater, hat ein leichtes Nierenleiden." Bleibende Schäden seien nicht zu befürchten, aber er unterliege einer kontrollierten Diät, und niemand dürfe ihn mehr mit Leckerlis zu füttern. Natürlich bekam die Presse Wind von dem Bulletin, und das Cabinet Office musste viele beruhigende Noten veröffentlichen.

Wenig später war es aus mit dem Mitgefühl für Unpässlichkeiten des Katers. Am 7. Juni 1994 beschuldigten ihn einige Blätter, Rotkehlchen aus einem Nest vor dem Fenster des Premierministers gefressen zu haben. Hier nun äußerte sich John Major persönlich: "Humphrey ist kein Serienmörder", ließ er sich zitieren, und das Cabinet Office schickte ein weiteres Memo zur Entlastung nach: "Dieser Vorwurf ist verleumderisch und vollkommen unbegründet." Humphrey habe zur fraglichen Zeit noch immer am Nierenleiden laboriert und fast den ganzen Tag geschlafen. Trotz Alibi: Der Vorwurf blieb im Raum.

Erst nach Humphreys Tod erleichterte der Journalist George Jones sein Gewissen: Er habe damals den Verdacht in die Welt gesetzt. Bei seinem Besuch in der Downing Street habe Major ihm die Rotkehlchen vor dem Fenster zeigen wollen, doch im Nest hätten nur noch tote Rotkehlchen-Küken gelegen. Er habe nichts gewusst, deshalb geschrieben: "Wer tötete die Rotkehlchen? Humphrey, der Downing-Street-Kater, steht unter Verdacht". Dies sei doch nicht unlauter.

Nach dem Wahlsieg Tony Blairs kam das Gerücht auf, dessen Ehefrau Cherie dulde keine Katzen im Haus. Aus Angst vorm Popularitätsabsturz ließ Downing Street noch Fotos von Cherie mit Humphrey veröffentlichen, doch bald war der Kater weg. "Humphrey geht aus gesundheitlichen Gründen in Pension" hieß es offiziell, auch mit Bezug auf das alte Nierenleiden. Am 20. März 2006 gab ein Regierungssprecher bekannt, Humphrey sei fünf Tage zuvor verstorben.