Lesung

Karl May bis zum Umfallen

Ein Hauch von Abenteuer, Wüstensand und Pulverdampf weht von diesem Montag an durch das ehemalige Bezirksgefängnis im sächsischen Mittweida. Dessen prominentester Insasse war im Frühjahr 1870 ein Landstreicher namens Karl May (1842 - 1912), der später als Abenteuerschriftsteller berühmt wurde und bis heute als Kultfigur verehrt wird.

Jetzt wollen Medienstudenten dort bis zum 3. Mai 88 Bände seines Gesamtwerks zu Gehör bringen - ohne seine Briefwechsel. Dazu sind 51 Tage Zeit. So lange hatte der Autor in der sieben Quadratmeter großen Zelle zugebracht. Dann wurde er wegen Betrügereien und Diebstahls zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Waldheim verbüßte. Rund 1000 Helfer wollen beim Lesen rund um die Uhr mitmachen, darunter auch Prominente wie die Schauspielerin Suzanne von Borsody - die Schirmherrin des Rekordversuchs - sowie ihr Kollege Hanno Friedrich, Fernsehmoderator Peter Escher oder "Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer.

Karl-May-Liebhaber aus ganz Deutschland haben sich angemeldet. Ursprünglich hatten die Organisatoren auf 3000 Leselustige gehofft. Weitere Helfer sind deshalb jederzeit willkommen. Auch Lesenächte mit Schulklassen sind geplant. Das Spektakel soll live im Internet übertragen werden. Am 14. März, dem Tag, als der Schriftsteller vor 141 Jahren in das Gefängnis eingeliefert wurde, geht es los. Jeder liest 20 Minuten. Den Anfang bestreiten die 20-jährige Stefanie Walter und der 26 Jahre alte Marc Simon, die Organisatoren des Projektes. Zu den ersten Vorlesern zählen auch der Rektor der Hochschule Mittweida, Lothar Otto, sowie Oberbürgermeister Matthias Damm (CDU).

Ob die Vorleser bis zum 3. Mai das gesamte May-Werk schaffen, ist nicht mehr sicher. "Es wird in jedem Fall länger dauern, als wir eigentlich gedacht hatten", sagt Walter. 55 Lesetage, lautete eine der letzten Prognosen. Die Studenten wollen auch ins "Guinnessbuch der Rekorde".

Die Idee für das Projekt stammt von Medienwissenschaftler Ludwig Hilger. Er folgte schon als Achtjähriger May in Gedanken "Durchs wilde Kurdistan". Keine Frage, dass er mitlesen wird.