Kriminalität

"Das ist ganz, ganz schlimme Kriminalität"

Vor 13 Jahren waren es Sprengsätze. Vor sechs Jahren vergiftete Thunfischkonserven. Vor drei Jahren war es Rattengift. Und 2010? Da war es dann Schwefelsäure und vergifteter Apfelsaft gleich dazu. Im Hause Aldi scheint es schon fast zur traurigen Tradition geworden zu sein, sich gegen Erpresser zur Wehr zu setzen, die versuchen, sich am Konzern zu bereichern.

Letztes Jahr war es also wieder so weit, gestern legte ein 66 Jahre alter Mann vor dem Landgericht Essen ein Geständnis ab, den Aldi-Konzern erpresst zu haben. "Es war immer mein Anliegen, niemanden zu gefährden", sagte der Angeklagte vor Gericht. Er wurde zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Der Mann nannte sich Koslovski und er wollte 800 000 Euro. Erstmals wandte er sich im Frühjahr 2010 mit einer Drohung an das Essener Unternehmen. Aldi reagierte nicht. Dann schrieb er noch einen Erpresserbrief. Zuvor hatte er Apfelsaftschorle mit Lampenpetroleum verdorben sowie Kleidung mit Schwefelsäure bespritzt. "Da Sie ja alles für Ihre Kunden tun, werden Sie schnell handeln", hieß es in seinen Briefen. In einem späteren Schreiben gab er an, dass es in zwei Filialen in Bremen und Cloppenburg sogar "lebensgefährlich" sei. "Sitzen Sie nicht auf Ihrem Geld", schrieb er weiter. Und dann startete der Erpresser ein bizarres Spiel.

Wie vom Erpresser gefordert, schaltete Aldi mehrere verschlüsselte Annoncen in norddeutschen Tageszeitungen und gab ihm so ein Zeichen, dass der Konzern die Erpressungsschreiben erhalten hatte. Bei vielen Lesern, unter anderem des "Weser-Kuriers", sorgte die Aktion für Verwirrung. In der Bremer Zeitung waren es insgesamt sechs seltsame Familienanzeigen. Wie der "Weser-Kurier" schreibt, habe eine Annonce auf der Homepage der Zeitung für besondere Aufmerksamkeit gesorgt. "In Internet-Foren wurde darüber intensiv debattiert", schreibt die Zeitung. "Im Netzwerk Facebook rätselte eine eigens gegründete Gruppe, wer sich hinter den Koslovskis verbergen könnte. Auch auf bremen.de und weiteren Seiten wurde wild spekuliert. Waren Kidnapper am Werk oder gar Terroristen? Alles schien möglich."

Verhängnisvolles Verfahren

Nach zahlreichen weiteren Drohungen und Täterschreiben sollte es am 12. August 2010 zu einer ersten Geldübergabe kommen, doch sie scheiterte. Auch weitere Versuche kamen nicht zustande, weil sich der Erpresser offenbar beobachtet fühlte. Am 26. September wurde der Mann aus Oldenburg festgenommen.

Die Aktionen waren stets von verdeckt arbeitenden Polizeibeamten begleitet worden. Aldi hatte die Polizei bereits nach dem ersten Drohbrief eingeschaltet. Zwischenzeitlich waren mehrere Hundert Polizisten aus vier Bundesländern an den Ermittlungen und Polizeiaktionen beteiligt. "Der Aufwand war enorm", sagte der leitende Ermittler vor Gericht aus. Zwar komme es immer wieder zu vergleichbaren Erpressungen, aber dass verunreinigte Produkte in Läden platziert würden, "habe ich so noch nie erlebt".

Zum Verhängnis wurde dem Mann am Ende ein gegen ihn laufendes Verfahren wegen Kreditbetrugs. Nachdem die Polizei seinen Computer sichergestellt hatte, fanden sie dort auch Beweise für die Erpressungsversuche. Nach einem halben Jahr der Erpressung wurde der 66-Jährige festgenommen. Kurz vor dem Beginn eines ersten Verhandlungstermins vor etwa einem Monat unternahm er in der Untersuchungshaft einen Selbstmordversuch. Dies führte der Angeklagte auf die "grausamen" Bedingungen in der Haft zurück.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann unter anderem versuchte schwere räuberische Erpressung und die Verwendung gefährlicher Werkzeuge vor. "Das ist ganz, ganz schlimme Kriminalität", sagte Staatsanwalt Thomas Holz. Der Beschuldigte habe die Polizei über Monate in Atem gehalten und immense Kosten erzeugt. Durch die Kontaminierung habe der Mann ein "gefährliches Verhalten" gezeigt.

In Verbindung mit einer vorangegangenen Urkundenfälschung sowie Betrug forderte Holz eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten. Da keine Fluchtgefahr bestehe, solle der Haftbefehl allerdings bis zum Vollzug der Strafe ausgesetzt werden. Verteidiger Gerhard Thien sprach in seinem Plädoyer hingegen von einem "minderschweren Fall" und forderte eine Strafe deutlich unter fünf Jahren. Zudem solle der Haftbefehl aufgehoben werden. Thien sagte, der Angeklagte sei in "laienhafter Art" vorgegangen. Gutachten hätten die Ungefährlichkeit der kontaminierten Produkte belegt.

Zuletzt hatte ein Berliner im Jahr 2008 den Aldi-Konzern erpresst, indem er vorgab, Waren mit Rattengift versehen zu haben. Und tatsächlich bekam er die geforderte Summe von 250 000 Euro. Der Mann war ddamit offenbar überfordert, bekam kalte Füße und gab das Geld bei der Polizei ab. Der 55-Jährige wurde zur einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Der 49-jährige Fliesenleger - der mit den Thunfischkonserven - bekam 2004 vier Jahre Haft. Er wollte zwei Millionen Euro von Aldi.

"Es war immer mein Anliegen, niemanden zu gefährden"

Erpresser "Koslovski"