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Der einsame Krieg des Charlie Sheen

In der Welt des alten Hollywood waren die Filmstudios darum bemüht, die Skandale ihrer Stars unter Verschluss zu halten. Denn mit dem sogenannten New Hollywood wurden die Drogen Ende der 60er-Jahre zum kaum versteckten Stimulans der Kreativen:

Enthemmte Hippies wie Dennis Hopper und Peter Fonda konsumierten ungeniert Marihuana und Kokain, in Produktionsbüros standen Schüsseln mit Stoff zur allgemeinen Verfügung bereit, man saß auf dem Teppich und schaute bedröhnt stundenlang Filme oder hörte Rockmusik.

In diese Liste reiht sich auch Charlie Sheen mit seinen zahlreichen Exzessen ein. Schon in den 90er-Jahren zerschellte die Filmkarriere des unberechenbaren Schauspielers, der bald nur noch in Nebenrollen oder Klamaukfilmen auftrat. Einer Freundin schoss er in den Arm, eine andere Frau verprügelte er.

Im Jahr 2003 übernahm Sheen eine Hauptrolle in "Two And A Half Men", einer zotigen Sitcom, die alle Zuschauerrekorde brach. Zuletzt verdiente Charlie Sheen angeblich 1,2 Millionen Dollar pro Folge. Dem Mann muss darüber die Wirklichkeit abhandengekommen sein. Man hörte von Beschimpfungen und Morddrohungen, die er auf dem Anrufbeantworter seiner Ex-Frau Denise Richards hinterlassen hatte, die Obszönitäten waren nur mit einem Drogenrausch zu erklären.

Die Erotomanie hatte er offenbar mit seiner Serienfigur gemein - man hörte von bizarrem Verhalten in einem Restaurant in New York, wo er volltrunken mit einer Prostituierten in einer Toilette verschwunden sein soll, um anschließend mit ihr in sein Hotelzimmer zu gehen und sie dort in einen Schrank einzuschließen, weil er glaubte, sie habe seine Kreditkarte gestohlen. Ein Freudenmädchen wurde nach einer Nacht mit Kokain und Pornofilmen mit 20 000 Dollar entlohnt und dabei gefilmt, wie sie am nächsten Tag die Bank verließ, freudig die Dollarnoten zählend. Bei anderer Gelegenheit musste Charlie Sheen mit Bauchschmerzen zum Hospital gebracht werden - später gab er an, er habe so ausgiebig gelacht, dass sein Zwerchfell geplatzt sei. Die angeratene Rehabilitation wollte der Schauspieler mal in seiner Villa in Los Angeles, mal in einem Sanatorium in Begleitung dreier Frauen, darunter einer Krankenschwester, antreten.

Nachdem in den letzten Wochen kein Tag ohne neue Peinlichkeiten verging, war Charlie Sheen am Montag von der Produktionsfirma Warner Bros. Television als Hauptdarsteller der Erfolgsserie "Two And A Half Men" gefeuert worden. Er inszenierte daraufhin in einem Videoblog fürs Internet eine Art Talkshow mit herumsitzenden Freunden, bei der er Zigaretten paffte, wild in die Kamera grimassierte und für seine Verhältnisse vage schimpfte. Sheen posierte im Rahmen seiner Tiraden vor Kurzem auch mit einer Machete auf einem Dach.

Den Rauswurf will der Schauspieler nicht hinnehmen: Sheen reichte Klage ein. Wegen Vertragsbruchs fordert er von dem Produzenten Chuck Lorre und dem Studio mehr als 100 Millionen Dollar Entschädigung. Eine Niederlage, sagte Sheen, sei für ihn "keine Option".

Bei "Two And A Half Men" werden zwei Schauspieler als mögliche Nachfolger Sheens gehandelt, die in den 80er-Jahren seine Konkurrenten im jugendlichen Fach waren: Matt Dillon und Rob Lowe (der dieselbe Schule wie Sheen besuchte), denen die große Kinokarriere ebenfalls nicht gelang.

Aus den Schlagzeilen ist Charlie Sheen jedenfalls nicht. Am Freitag wurde sein Haus in Beverly Hills von der Polizei durchsucht. Die Ermittler wollten prüfen, ob Sheen im Besitz von Schusswaffen und Munition ist und damit gegen eine einstweilige Verfügung verstoßen hat, die seine Noch-Ehefrau Brooke Mueller Anfang März vor Gericht gegen ihn erwirkt hatte. Die Hausdurchsuchung nahm Sheen gelassen hin: Die Polizisten seien "großartig" gewesen, "absolute Profis", teilte er über den von ihm rege genutzten Kurzmitteilungsdienst Twitter mit.

Sollte der 45-Jährige sich je wieder erholen, so würde er das triumphalste Comeback von Hollywood feiern. Bislang bestreitet der Sünder allerdings kategorisch, überhaupt gesündigt zu haben: So viel Spaß würden andere Männer gern haben, höhnte Sheen. Sein Fall entlarvt die Bigotterie des Filmgeschäfts: Geächtet wird, wer seine Exzesse öffentlich macht - und auch noch stolz darauf ist.