Urteil

Milde Strafe für einen Kinderschänder

Als die Verhandlung um kurz nach elf vorüber ist, nach dem Urteilsspruch des Vorsitzenden Richters am Landgericht in Baden-Baden, raunen die Zuschauer auf dem Weg nach draußen einander zu. Viel zu mild sei das Urteil.

Wegsperren für lange Zeit, das sei angemessen, sagt ein älterer Mann. Oder vielleicht doch am besten gleich aufhängen, sagt ein anderer. Diese Strafe sei doch keine Abschreckung für solche Täter.

Tatsächlich lautete das Urteil auf vier Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe für Ingo B. "Weil der", wie Richter Klaus Beier zur Begründung sagte, "auch anderweitig noch bestraft" wäre. Es ist wie so oft, wenn es um Missbrauch von Kindern geht, viel Emotion im Spiel. Weil in der Gesellschaft nichts als widerwärtiger, feiger und unmenschlicher wahrgenommen wird, als sich an Kindern zu vergehen.

Sein Komplize wollte sich umbringen

Ingo B. sitzt an diesem Morgen um neun Uhr im Großen Sitzungssaal 118, wie schon beim ersten Verhandlungstag, mit ineinandergefalteten Händen und gesenktem Blick hinter getönten Brillengläsern auf der Anklagebank. Zusammen mit Hans-Peter R. ist er angeklagt, Kinderpornos erstellt, vertrieben und sich dazu auf perfide Art an Hans-Peter R.s indonesischer elfjähriger Stieftochter vergangen zu haben. Hans-Peter R.s Fall wird erst am Dienstag kommender Woche verhandelt, weil er versucht hatte, sich in seiner Zelle die Pulsadern aufzuschneiden.

Zu Beginn des zweiten Verhandlungstages, an dessen Ende bereits der Urteilsspruch stehen wird, weil Ingo B. vergangene Woche unter Ausschluss der Öffentlichkeit "ein umfängliches Geständnis" abgelegt hatte, fordert der Richter ihn auf, etwas über seinen beruflichen Werdegang zu sagen, seine Herkunft und Biografie.

Ingo B., rundes, blasses Gesicht, beginnt zu reden. Überraschend klar und in Kontrast zu den hängenden Schultern und dem gebeugten Rücken. "Mein Name ist Ingo B., geboren am 6.6.72, aufgewachsen bei meinen Eltern in Erfurt." Ganz normal sei er groß geworden, erst Kindergarten, Grundschule, dann Erweiterte Oberschule. "Was als Abschluss das Abitur mit sich brachte." Danach habe er sich an einer Fachhochschule beworben für das Studium des Diplomverwaltungswirtes, welches er erfolgreich absolviert habe. Seit einigen Jahren schon habe er in verschiedenen Positionen bei der Arbeitsagentur in Erfurt gearbeitet. "Bis es dann zu meiner Verhaftung am 29.10.2010 kam."

Ingo B. lebte ein unspektakuläres Beamtenleben in gehobener Laufbahn und Besoldungsgruppe A 10. Hinter dieser Fassade offenbart sich ein Mensch, der, wie sein Verteidiger erzählt, schon seit der Pubertät pädophile Neigungen hegt, darunter leidet wie an einer Sucht.

Schon Jahre vor seiner Verhaftung gibt sich B. in seiner Freizeit als Kindermodel-Fotograf aus, so höflich, dass viele Eltern ihre Kleinen unbesorgt allein lassen mit ihm. Nach harmlosen Bildern entstehen dann oft Fotos mit deren Geschlechtsteilen in Großformat. Meist von kleinen Mädchen.

Fotos, die später Ingo B.s Eintrittskarte werden in die Chatrooms der pädophilen Szene. Denn dort kommt nur hinein, wer Bilder mit kinderpornografischem Inhalt zur Verfügung stellt.

B. reagiert seine Sexualität nun ausschließlich an Kinderpornos ab. Dabei tauscht er sich auch mit anderen Pädophilen aus: in einem Chat mit dem Namen "Sonneninsel".

Auf der "Sonneninsel" lernt er schließlich Hans-Peter R. kennen, der B. in Sachen Skrupellosigkeit noch weit voraus ist. Von R. erfährt er von dessen Stieftochter, Siska R., elf Jahre alt und die Tochter von Hans-Peter R.s indonesischer Frau. R. verrät ihm, dass er Siska seit Jahren missbraucht und sie auch vermiete. Gegen entsprechendes Entgelt. B. gerät zum ersten Mal in Versuchung, weiter zu gehen, als "nur" zu fotografieren oder auf Kinderpornos zu masturbieren.

In ihrem Schlussplädoyer schildert die Staatsanwältin, Natascha Kottisch-Borchmann, unter anderem den Verlauf des Treffens von B. und R. in dessen Wohnort im badischen Raststatt, zu dem B. Mitte September 2009 gefahren war. "Den Missbrauch des Stiefvaters von Siska R.", verliest die Staatsanwältin tonlos, "oral und anal, hielt der Angeklagte B. fotografisch fest, ehe er selbst das Mädchen oral missbrauchte, während R. fotografierte."

In den Vernehmungen gab B. an, 300 Euro dafür bezahlt zu haben. Dafür überschritt er die letzte Hemmschwelle, die er sich noch auferlegt hatte: niemals Hand anzulegen an ein Kind.

Die Staatsanwältin forderte fünf Jahre Freiheitsstrafe, deutlich über dem Mindeststrafmaß für Kindesmissbrauch von drei Jahren und acht Monaten. Auch deshalb, weil die Polizei in einer großen Ermittlungsaktion unter dem Namen "Geisterwald" auf B.s Festplatte ein Chatprotokoll entdeckte, in dem dieser einen Kinderporno in Auftrag geben wollte, in dem zwei Mädchen "spielerisch" verschleppt werden sollten, ein paar Erdrosselungsszenen inklusive. Entgegen ersten Berichten wollte er allerdings nicht, dass dabei tatsächlich getötet werde. "Dass keiner hopsgehen soll, ist hoffentlich klar", hatte er geschrieben.

Zur Begründung des Urteils sagte Richter Beier, dass B. sofort nach seiner Verhaftung geständig gewesen sei. Und dass er "ehrliche Reue" gezeigt habe über seine Taten. "Und wir können das sehr wohl unterscheiden von verhandlungstaktischem Benehmen." Auch hätte B. die Strafe zu tragen, wohl nie mehr in seinen Heimatort zurückzukehren. Und außerdem auf Lebenszeit seine Verbeamtung zu verlieren.

Trotzdem wirkten Straftaten dieser Art auf alle abstoßend und ekelerregend. Aber das Strafgesetz sei nun einmal kein Moralstrafrecht. Und dass er es letztlich bei einem einmaligen Missbrauch in der Zeit bis zu seiner Verhaftung gut ein Jahr später belassen habe, zeige zumindest, dass es ihm Ernst ist.