John Galliano

Vom Mode-Clown zum Bösewicht

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Inga Griese

Ein Mann sitzt mit dicker Jacke, Harlekin-Fellkragen und Filzschiffchen auf dem dunklen Lockenkopf an einem Bistrotisch. Die schwarzen Augen blicken glasig, die weiche Stimme lallt. Er sagt, dass er Hitler liebe. Die junge Frau, zu der er offenbar spricht, ist nicht zu sehen, man hört ihr überdrehtes Kichern. Dann sagt der Mann: "Eure Mütter, eure Vorfahren, alle wären vergast."

Der Mann sieht genauso aus wie der Modeschöpfer John Galliano, der am vergangenen Freitag vom Modehaus Dior als Kreativdirektor suspendiert worden war; als umgehende Reaktion auf eine Anzeige wegen antisemitischer und rassistischer Pöbeleien. Das offenbar mit einem Mobiltelefon aufgenommene Video, das das britische Boulevardblatt "Sun" veröffentlichte, zeigt allerdings nicht den Vorfall vom vergangenen Donnerstag, der den Skandal auslöste. Und ob der Mann mit den etwas zu aufgedunsenen Backen tatsächlich Galliano ist, wie die "Sun" verkündete, kann nicht hundertprozentig bestätigt werden, ebenso wie das Datum der Aufnahme unklar ist. Nach Angaben der Videoplattform Citizenside, die das Video verkauft hatte, sind die Aufnahmen am 12. Dezember entstanden. Als Galliano am Donnerstag von der Polizei in Gewahrsam genommen wurde, sah er allerdings schmaler aus und war blond gesträhnt. Was in seinem Fall aber wiederum nicht als Indiz taugt, Kostümierungen sind sein Markenzeichen.

Doch darum geht es schon gar nicht mehr. Ein Damm ist gebrochen, der Clown der Modeszene wird zur Fratze wie Joker bei "Batman". Es war wohl der berühmte Schlag eines Schmetterlingsflügels, der einen Tsunami auslösen kann: Ausgerechnet in seiner Stammkneipe "La Perle" - einem nicht gerade als vornehm bekannten Café und Homosexuellentreff - unweit seiner Wohnung im Szeneviertel Marais, geriet der Modeschöpfer in einen Streit mit einer Französin und ihrem Begleiter. Unter Alkoholeinfluss soll Galliano das Paar angepöbelt haben, Äußerungen wie "dirty jew face" sollen gefallen sein.

Über seinen Anwalt Stephane Zerbib bestreitet Galliano alle Vorwürfe, vielmehr reichte er Gegenklage wegen Verunglimpfung ein. Ein Stylist, der eng mit ihm arbeitet, erklärte: "Galliano ist ganz sicher kein Rassist." Am Montag gab es einen Termin auf einer Pariser Polizeiwache. Das Paar, das ihn angeklagt hatte, blieb bei seiner Version, die jedoch von mehreren befragten Zeugen nicht bestätigt wurde. Gallianos Anwalt Stephane Zerbib erklärte, die Gegenüberstellung verlaufe "sehr gut".

Gleichwohl gerät Galliano in Erklärungsnot. Denn sein Anwalt bestätigte auch, dass bereits die nächste Klage eingereicht worden sei. Nach den Berichten über den Vorfall im "La Perle" hatte sich eine Frau gemeldet, die einen ähnlichen Vorfall im gleichen Café beklagt. Die Sache sei bereits einige Monate her, sie habe damals von einer Anzeige abgesehen, wie "Le Parisien" die 48-Jährige zitiert, weil sie die judenfeindlichen Entgleisungen mit der Trunkenheit des 50-Jährigen entschuldigt habe. Nach den neuen Vorwürfen sehe sie die Sache jedoch in einem anderen Licht.

Schließlich geht es nicht um ein Kavaliersdelikt, Diffamierungen werden in Frankreich mit hohen Geldstrafen belegt, antisemitische oder rassistische Äußerungen können mit sechs Monaten Gefängnis geahndet werden. Da nützt auch der Ruf, ein genialer Exzentriker zu sein, nichts. Die Zeiten, da Drogen- und Alkoholexzesse in der Modeszene goutiert wurden, sind vorbei. Auch wenn dem "jungen Wilden" lange Zeit vieles nachgesehen wurde, war er doch so besonders talentiert und bereicherte vor allem die Haute Couture mit der ihr gebührenden Theatralik. Kaum hatte er die Talentschmiede Saint Martins College mit Erfolg absolviert und sich mit dem Geld, das er für die Abschlusskollektion im Geist der Französischen Revolution bekam, selbstständig gemacht, wurde er schon als "British Designer of the Year" ausgezeichnet. Doch es zog ihn nach Paris. Dort sorgte er so richtig für Furore. Denn der weitsichtige Chef des Luxuskonzerns LVMH, Bernard Arnault, holte den Briten erst zu Givenchy und machte ihn dann - shocking - 1997 zum Kreativchef des urfranzösischen Hauses Dior. Der Protest war groß, doch Galliano setzte seinen extravaganten Stil fort. Sehr zum Wohl und Imagegewinn des Hauses. Doch nun ist wohl Schluss. Schon länger wird in der Szene gemunkelt, dass man bei Dior einen Ausgang sucht, die Genialität hält nicht mehr die Balance mit den Exzessen. Das Geschäft ist nüchtern geworden. Die Ausfälle im "La Perle" gaben nun - zynisch betrachtet - durchaus eine willkommene Vorlage.

So ist auch die prompte Reaktion von Diors CEO Sidney Toledano zu verstehen, der die Suspendierung mit der "Null Toleranz"-Politik des Hauses gegenüber rassistischen Ausfällen begründete. Mehr wird derzeit nicht kommentiert. Und laut "Journal du Dimanche" wurden sogar dem Hause verbundene Stars wie Sharon Stone vor der Oscar-Verleihung vorsorglich gebeten, keine öffentlichen Stellungnahmen abzugeben. Galliano hätte es besser wissen müssen: Sein Chef ist selbst jüdischen Glaubens. Es ist also nicht damit zu rechnen, dass er am Freitag bei der Dior-Schau die Honneurs entgegennehmen wird.

Als Nachfolger wird bereits Hedi Slimane gehandelt. Das berühmte Modehaus versucht offenbar, einen Imageschaden abzuwenden, der schwerer wiegen könnte als der Verlust eines genialen Kreativdirektors. Die Branche hat sich noch nicht vom Schock Guerlain erholt: Als der Parfümeur Jean-Paul Guerlain im Oktober in einem Fernsehinterview erklärte, er habe gerackert "wie ein Neger" - wobei er nicht wisse, ob die jemals so geschuftet hätten -, hagelte es Boykottaufrufe.

Für Galliano endet nicht nur eine großartige Karriere. Auch die Zukunft seines eigenen Labels steht auf dem Spiel: Es gehört Dior zu 91 Prozent.

"Meine Rolle besteht darin, zu verführen"

John Galliano, Modeschöpfer