Mode

Die neue Lust auf Farben

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Liegt es an der generellen Sehnsucht nach Schönheit inmitten einer weiterhin tosenden Welt? Ist es die Referenz an die vielen potenziellen Kunden jenseits von Europa, die sich ihres Appetits auf sichtbaren Luxus nicht schämen, über den ganz großen Protz auch schon hinweg sind, aber in jedem Fall wenig Interesse haben an morbidem Überdruss-Schick?

Bei den Schauen in Mailand für den Herbst/Winter 2011 jedenfalls lautete die Botschaft wie schon zuvor in New York und auch im etwas verspielteren London: Frauen sollen schön sein, subtil sexy und gern elegant, was heutzutage durchaus bequem sein kann. Und auch die so erfolgreichen Farben dieses kommenden Sommers bleiben in der kalten Jahreszeit erhalten. Im Nachklang der Krise ist eine gewisse Kontinuität eingetreten, eine Markenidentitätstreue jenseits von Langeweile.

Da ist die Farbe Schwarz (die als Farbe zu bezeichnen sich Kunstlehrer standhaft weigern). Keiner beherrscht Schwarz so sehr wie Emporio Armani, Gucci spielt mit den Farben von Yves Saint Laurent und bleibt dabei unverwechselbar, nach Bottega Veneta muss man eigentlich erst einmal eine Pause einlegen, damit alles Folgende wieder eine Chance hat. Und auch wenn man Mode nicht politisch überfrachten sollte, scheint ein Typ derzeit so gar nicht gefragt: "Püppi für Berlusconi".

Selbst Donatella Versace hat in ihrer großartigen Kollektion eine ganz andere Art von Sexappeal eingebaut, die Schnitte sind raffiniert, die barocken Blumenranken verführerisch, die militärischen Attribute ein Signal, aber nichts ist zu kurz, zu wenig oder zu viel. Die Etros haben gleich gar nichts dagegen, wenn man ihr starkes Frauenbild politisch nimmt. Und Miuccia Prada - in weißer Bluse, knielang grauem Rock dazu aber ihre geliebten mörderisch hohen Plateauschuhe - erklärte backstage gut gelaunt ihre spezielle Sicht: "Ich habe Materialien benutzt, die gemeinhin mit dem Begriff in Verbindung gebracht werden. Pailletten, auch Pelz. Aber sind dann wohl etwas unschuldiger interpretiert."

Überhaupt Pelz: Die Italienerinnen tragen eigentlich ganz gern diese typischen bequemen Daunenjacken und Mäntel, von Aspesi oder Moncler und namenlose. Oder aber sie greifen gleich ordentlich zum Pelz, so wie Anna Wintour, die berühmte Chefin der amerikanischen Vogue.

Für Pelzgegner ist das ein frustrierendes Pflaster hier. Im Straßenbild schon. Denn in Mailand ist dieser Tage der Frühling noch nicht angekommen. Es ist kühl für uns und sehr kalt für die Italienerinnen.

Und natürlich bei den Schauen. Fell, wohin man schaut, der nächste Winter kommt wieder. Angst vor Protesten? Was war das noch? Frida Giannini schwelgt bei Gucci aus dem vollen Haar, und am coolsten ist jetzt mal wieder Miuccia Prada, die für die jetzt aktuelle Frühjahr/Sommer-Saison zum Ringelkleid den ganz dicken, regenbogenbunt gefärbten Fuchsschwanz empfahl, für die nächste Herbst/Winter-Kollektion aber - mal so mal so - echten oder falschen Pelz in ihre Kollektion einarbeitete. Bloß kein Dogma, bitte.

Sexy zu sein ist eine rundum komplizierte Sache. Das Ergebnis ist eine schmale Silhouette, eine Mischung aus Schulmädchenkleidern und 60er-Jahre Carnaby Street. Dabei bleibt das Ganze bedingungslos modern.

Das gilt auch für Raf Simons gilt, der bei Jil Sander zum Glück anknüpft an die starke aktuelle Kollektion. Farbe bleibt, schmale Hosen und gebauschte Oberteile, ein wenig wie der frühe Bogner, etwas 60er, Jan Vermeer im Styling, wattierte Blousons, wippende Capes, tief sitzende Riegel. Das möchte man haben.