Christchurch

Rettung aus Trümmern

Pfarrer Peter Beck steht mit Schutzhelm auf dem Kopf vor dem Trümmerhaufen an seiner Kathedrale in Christchurch. Das Entsetzen ist ihm einen Tag nach dem schweren Erdbeben ins Gesicht geschrieben.

Er war in der Kirche, als der Turm einstürzte - darunter eine Besuchergruppe. "Ich glaube, das hat keiner überlebt", sagt er erschüttert. Christchurch gestern, dem Tag nach dem Schock: Es ist gespenstisch still in der zweitgrößten neuseeländischen Stadt. Rund 75 Leichen und 50 Überlebende haben Helfer bis gestern nach dem Erdbeben in Neuseeland aus den Trümmern geholt. Darunter war ein verletztes Baby, das in den Armen seiner toten Mutter gefunden wurde. "Sie war aus einem Laden in der Cashel Street gerannt und wurde von herabstürzenden Trümmern erschlagen", zitiert das Nachrichtenportal "Stuff.co.nz" einen Mann in Christchurch. "Wir haben versucht, die Brocken wegzustoßen, aber sie lebte nicht mehr." Bis zu 300 Menschen wurden am Tag nach dem Beben noch vermisst.

"Ich werde es wohl nicht schaffen"

Unter Lebensgefahr suchten Hunderte Helfer nach Opfern. Die Hoffnung auf die Rettung weiterer Verschütteter sank aber rapide. Nachbeben machten die halbeingestürzten Gebäude in Christchurch zu einer potenziellen Todesfalle für die Retter. In einigen Fällen wurde die Suche abgebrochen, weil das Haus einzustürzen drohte. Zu den Glücklichen, die rechtzeitig gefunden wurden, gehörte Anne Bodkin, die sich unter einen Schreibtisch gekauert hatte, als das Beben der Stärke 6,3 am Dienstagmittag begann. Ihr Mann Graham stand vor den Trümmern des Pyne-Gould-Guinness-Gebäudes und erlebte die Rettung mit. Auch für die Australierin Ann Voss gab es ein Happy End, berichtete der australische Rundfunk am Abend. Sie hatte sich, eingeklemmt unter einem Schreibtisch, bei ihrer Familie und einem australischen Fernsehsender gemeldet. "Ich werde es wohl nicht schaffen", sagte sie ihrem Sohn. Dann war ihr Handy-Akku leer. Retter zogen sie unter Tonnen von Beton, Stahl und Glas hervor.

Gerettet wurde auch der Bäcker Shane Tomlin (42). Das Foto seines staubverschmierten Gesichts, als die Sanitäter ihn aus den Trümmern des Cashel-Street-Einkaufszentrums zogen, ging um die Welt. Seine Eltern suchten jedoch gestern in den Krankenhäusern vergeblich nach ihrem Sohn. "Wer hat Shane gesehen?", fragten sie jeden. Blankes Entsetzen herrschte am Canterbury-Television-Gebäude: Mindestens 50 Menschen wurden dort vermutet, aber die Retter mussten sich wegen akuter Einsturzgefahr zurückziehen. Das Gebäude sei so beschädigt, dass ohnehin niemand überlebt haben dürfte, hieß es bei der Polizei. "Wir glauben, dass es dort keine Überlebenschance gab", sagte Einsatzleiter David Lowry. In dem Gebäude werden auch mindestens elf japanische Studenten vermutet. Wegen der Lebensgefahr wurden die Suchtrupps auch aus den Ruinen des "Grand Chancellor Hotel" zurückgerufen. Das Gebäude ist mit 26 Stockwerken eines der höchsten von Christchurch. Die Feuerwehr fürchtete, dass ein Zusammenbruch wie ein Minibeben wirken und andere beschädigte Häuser in der Umgebung mit zu Boden reißen würde. "Familien haben ihre Angehörigen verloren, Freunde ihre Freunde. Dieser Verlust ist das Schlimmste", sagte Regierungschef Key, der das Erdbebengebiet besucht hatte. "Gebäude sind nur Gebäude, Straßen nur Straßen, aber die Menschen sind unersetzlich." Nach Polizeiangaben wurden seit Mittwochnachmittag keine Überlebenden mehr aus den Trümmern geborgen. Zudem seien mehr als 24 Stunden vergangen, seit zuletzt SMS von Verschütteten empfangen worden seien.

Australien, Singapur, Japan und die USA schickten Helfertrupps für die Suche nach weiteren Überlebenden. Neben den 200 Rettern im Einsatz wurden 500 zusätzliche Kräfte erwartet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel kondolierte dem neuseeländischen Regierungschef. "Seien Sie versichert, dass die Bundesregierung in diesen tragischen Stunden an der Seite Neuseelands steht", schrieb sie. Key kündigte den Wiederaufbau an. "Christchurch: Heute ist der Tag, an dem dein großes Comeback beginnt", sagte er.