3500 vergessene Urnen

Das Hospital der verlorenen Seelen

Das Kupfer der Dosen ist angelaufen, die Etiketten sind vergilbt, verrutscht, die Namen sind kaum noch lesbar. So stehen sie, eine neben der anderen, in einem Regal, das nur zufällig entdeckt wurde, ausgerechnet von einer Besuchergruppe, die sich eigentlich nur die Kulisse eines Filmklassikers ansehen wollte - die Psychiatrie, in der in den 70er-Jahren "Einer flog übers Kuckucksnest" gedreht wurde.

Was sie fanden, war viel schauriger als das, was sie erwarteten. Tausende Dosen mit der Asche von verstorbenen Patienten.

Das Krankenhaus gibt es noch immer. Der Klinikkomplex, der in Salem im US-Bundesstaat Oregon liegt, ist seit Jahren heruntergekommen. In diesen Gemäuern wurde ein lange vergessenes Geheimnis gelüftet: Der "Raum der vergessenen Seelen".

Durch Zufall öffnete die Besuchergruppe die Tür zu eben jenem Raum in einem baufälligen Nebengebäude - dort stießen sie auf 3500 Metallgefäße mit der Asche von verstorbenen Patienten. Der Bundesstaat Oregon hat nun eine Liste mit den Namen der Menschen im Internet veröffentlicht, deren Überreste in dem Raum gefunden worden waren ( www.oregon.gov/DHS/mentalhealth/osh/cremains.shtml ). Darunter die Asche von Marie Abner, gestorben am 1. Juli 1938, oder von Mary Helen Zucher, gestorben am 22. Oktober 1928 - ihnen allen blieb bislang eine würdige Bestattung verwehrt. "Wir wollen die Überreste den Familien zuführen, aber angesichts der langen Zeit ist das nicht immer möglich", sagt der Direktor von Oregons Krankenhausverwaltung, Greg Roberts. Bislang konnten die wenigsten Urnen überhaupt zugeordnet werden.

Sexueller Missbrauch und Gewalt

Der Raum war offenbar drei Jahrzehnte lang völlig vergessen worden. In den 70er-Jahren war das im 19. Jahrhundert erbaute Krankenhaus stark heruntergekommen. Bis 2008 war es zu 40 Prozent nicht mehr nutzbar, die Farbe blätterte von den Wänden, Ratten hatten sich bereits häuslich eingerichtet, Asbest rieselte von den Decken. Gegen Mitarbeiter wurde der Vorwurf sexuellen Missbrauchs erhoben, jedes Jahr wurden knapp 400 Fälle von Handgreiflichkeiten unter Patienten gezählt. Dies offenbarte 2007 ein Bericht des amerikanischen Justizministeriums. Daraufhin beschloss das Parlament von Oregon einen 458-Millionen-Dollar-Plan (rund 356 Millionen Euro), mit dem nicht nur ein neuer Direktor eingestellt, sondern seit 2009 auch ein Großteil des Gebäudes abgerissen und wieder aufgebaut werden sollte.

Seitdem läuft der Versuch, die Angehörigen der Toten ausfindig zu machen und ihnen deren Asche zurückzugeben. Die Fälle erstrecken sich von 1914 bis in die 70er-Jahre hinein. Viele der Urnen haben ihr Etikett bereits verloren. In einigen Urnen ist die Asche gleich mehrerer Verstorbener aufbewahrt.

Der 79 Jahre alte Don Whetsell aus Portland zählt zu den wenigen, die ihre Angehörigen würdig bestatten konnten. Sein Bruder und sein Großvater starben in der Anstalt. Whetsells Bruder war neun Jahre alt, als er eingeliefert wurde. Zwei Jahre später starb er dort. "Er hatte Epilepsie mit schrecklichen Anfällen", erinnert sich der Rentner. "Heute könnte man das behandeln." Auch sein Großvater starb nach zwei Jahren in der Anstalt. "Sie haben meinen Großvater für schwachsinnig erklärt. Wahrscheinlich war es Alzheimer." Zu Hause sei das Thema praktisch tabu gewesen, sagt Whetsell. "Die Eltern haben nicht viel darüber geredet, es war einfach zu traumatisch." 2005 begann er damit nachzuforschen. Vier Jahre später hielt er ihre Urnen in den Händen.

"Etwa 120 Urnen haben wir bei Hinterbliebenen unterbringen können", sagt Rebeka Gipson-King von der Krankenhausverwaltung. Für die meisten hätten sich aber noch keine Hinterbliebenen gemeldet. "Die nicht abgeholten Überreste werden Teil eines Mahnmals sein, das wir auf dem Gelände errichten wollen", sagt Gipson-King zu den Plänen des Krankenhauses. Dies dürfte dann auch auf den Bildern von der Webcam des Hospitals zu sehen sein. Die Renovierungsarbeiten des Krankenhauses werden seit Beginn des Umbaus live auf der offiziellen Internetseite dokumentiert. Dort steht unter der Rubrik "Über uns" auch: "Wir stehen dafür, unsere Patienten würde- und respektvoll zu behandeln."