Song-Entscheidung gefallen

Lena geht mit Elektropop-Titel ins Eurovision-Finale

Er wisse nicht, wie er das Finale in der ARD ohne Werbepausen überstehen solle, hatte Stefan Raab geunkt. "Ich habe so viel Kaffee getrunken." Ob er ahnte, dass er damit auch jenen Zuschauern aus der Seele sprechen würde, die vorher keine einschlägigen Vorkehrungen getroffen hatten?

Geschlagene zwei Stunden mussten die Zuschauer der ARD-Show "Unser Song für Deutschland" warten, bis die Moderatoren Matthias Opdenhövel und Sabine Heinrich endlich verkündeten, mit welchem der sechs Songs die Zuschauer Lena zum Eurovison Song Contest (ESC) am 14. Mai nach Düsseldorf schicken. Erst dann wich die bleierne Langeweile der Erleichterung. Es ist die mystische Elektropop-Nummer "Taken by a stranger".

Die Enthüllung war der traurige Höhepunkt einer Veranstaltung, der man ausnahmsweise verzieh, dass sie ohne Werbe- und andere Pausen auskam. Zeigte doch die ARD dieselben Einspieler, die schon ProSieben in den ersten beiden Folgen ausgestrahlt hatte. Und schon deren Unterhaltungswert hatte sich in Grenzen gehalten. Der Zauber des Wunders von Oslo, er verlor sich in der x-ten Wiederholung. Und ewig grüßt das Murmeltier ...

Die ARD mutete dem Publikum also einiges zu, als sie jetzt noch einmal alle sechs Songs zeigte, die die Zuschauer von ProSieben gewählt hatten. Und auch Lenas Spielfreude hatte sich hörbar abgenutzt. Was ihr vor einem Jahr so mühelos gelang, wirkte jetzt fast verkrampft. Die Juroren, Barbara Schöneberger und Adel Tawil, die männliche Hälfte des Pop-Duos "Ich+Ich", waren höflich genug, ihre Kritik so zu verpacken, dass sich Jury-Präsident Raab nicht beleidigt fühlen musste.

Beide hatten den Song "Taken by a stranger" zu ihrem Favoriten gewählt, eine mysteriös vernebelte Nummer, die Lenas Image als Li-La-Laune-Girl angenehm konterkarierte. "Der ist von einem anderen Stern - und das braucht Lena", hatte Tawil prophezeit. Die Zuschauer der ersten beiden Folgen waren nicht so gnädig in ihrem Urteil. Musiklehrerinnen hatten kritisiert, Lena könne immer noch nicht singen. Ihr Kapital sei ihre Unbekümmertheit gewesen, und die habe sie auf ihrem Weg durch die Mühle des Show-Geschäfts verloren.

Anderen tat die 19-jährige Hannoveranerin eher Leid. Sie warfen ihrem Mentor vor, er habe Lena verheizt und die ARD am Nasenring durch die Arena gezogen, um seinen irrwitzigen Plan zu verwirklichen: Wie kann die Siegerin gegen sich selber antreten? Der ESC-Beauftragte des NDR, Thomas Schreiber, bemühte sich, die Kritik an der gebührenfinanzierten Schnapsidee herunterzuspielen. Dabei sprachen die schlechten Quoten der ersten beiden Folgen für sich. Wollten die Auftakt-Show noch 2,56 Millionen Zuschauer sehen, waren es in der zweiten Folge nur noch 1,82 Millionen.

Unter dem Druck der Kritik hatte Stefan Raab vor einer Woche im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" eingeräumt, möglicherweise sei es eine "Scheiß-Idee" gewesen, Lena noch einmal in den Ring zu schicken. Kurz vor dem Finale war er wieder zurückgerudert. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte er, die Kritik an Lenas Alleingang gehe in erster Linie auf das Konto von Journalisten. "Die drehen durch."