Hochzeit

ABC für Trauung von Kate und William

Beinahe wäre Rowan Williams nach Deutschland gezogen. Am Westcott-College zu Cambridge hatte eine lutherische Doktorandin aus Deutschland den jungen Theologiedozenten tief beeindruckt.

Wegbegleiter des Walisers, so hat es Williams' Biograf Rupert Shortt recherchiert, fanden die junge Frau wenig attraktiv und beschrieben sie als "eindringlich, anmaßend, heftig". Ihr Spitzname Brünhilde war nicht als Kompliment gemeint.

Doch aus Deutschland wurde für den Anglikaner nichts. Stattdessen lernte der Theologe wenig später eine anglikanische Kollegin kennen, demnächst feiert das Paar seinen 30. Hochzeitstag. Sie haben eine Tochter, Rhiannon (22), und einen Sohn, Pip (15). Tatkräftig hat die Dozentin am Londoner King's College die Karriere ihres Mannes unterstützt: Rowan Williams (60) ist seit acht Jahren Erzbischof von Canterbury und damit Oberhaupt der anglikanischen Gemeinschaft. Rowan Williams erfüllt also privat wie beruflich alle Voraussetzungen für die Aufgabe, die ihm zuteilwird: Wie es die Tradition gebietet, wird der höchste Geistliche der Staatskirche von England Prinz William und seine Braut Kate Middleton trauen.

Den Gottesdienst in Londons Westminster Abbey dürften mehr als eine Milliarde Menschen im Fernsehen verfolgen. In bunten Messgewändern, die Bischofsmitra auf dem Kopf, wird Williams in dem Amt zu sehen sein, das er selbst einmal scherzhaft als "der skurrile Pfarrer der Nation" charakterisierte. Sein Aussehen passt dazu. Mit wildem Haarschopf, Rauschebart und imposanten Augenbrauen gleicht er zwar einem alttestamentarischen Propheten, predigt aber die Versöhnung und den Frieden des Neuen Testaments. Dazu passt: Williams ist auch Mitglied des walisisch-keltischen Kultes "Gorsedd of Bards", sein Druidennamen ist ap Aneuri. Der ABC, wie seine Leute ihn nach dem Titel Archbishop of Canterbury nennen, fühlt sich wohl dabei.

Es gehörte Mut dazu, nach dem 11. September 2001 von der Bergpredigt zu schreiben als "Atempause im asthmatischen Klima von Selbstsucht und Wettbewerb". Williams war an jenem Tag in New York gewesen, kaum 200 Meter vom World Trade Center entfernt. Kein Zweifel: Dem tief spirituellen Mann mangelt es nicht an Glaubwürdigkeit und intellektueller Brillanz. Als Jugendlicher lernte Williams binnen sechs Monaten Russisch, weil er Dostojewskis Romane im Original lesen wollte. Elf Sprachen kann er heute lesen. Immer wieder stellt der einstige Lehrstuhlinhaber an der Elite-Uni Oxford der weitgehend säkularisierten und schnelllebigen Gesellschaft Großbritanniens Fragen: zum Umgang mit Kindern, zur Integration der muslimischen Minderheit, neuerdings auch zum Ende April anstehenden Großereignis.

Dem widmen sich die Medien seit Wochen hingebungsvoll: Mit welchem Auto kommt die Braut zur Trauung? Wer ist dabei? Wie sieht das Brautkleid aus? Man solle das Wesentliche nicht außer Acht lassen, mahnte Williams: "Wenn ein Paar, und zumal dieses, sich auf das Abenteuer einer christlichen Ehe einlässt, ist das ein Grund zum Feiern. Wir als Gesellschaft könnten genau und fantasievoll darüber nachdenken, warum lebenslange Treue und die beiderseitige Beendigung der Selbstsucht so wundervolle Geschenke sind."

Seit seinem Amtsantritt vor acht Jahren versucht Williams die 80 Millionen Anglikaner in 160 Ländern zusammenzuhalten, die darüber streiten, ob Frauen Pfarrerinnen, gar Bischöfinnen werden dürfen und wie mit Homosexuellen umzugehen ist. Williams stellt für diese Aufgabe sogar seine (liberalen) Lehrmeinungen zugunsten des Zusammenhalts zurück: "Meine erste Pflicht gilt der Einheit unserer Kirche", betont der ABC immer wieder. Wer diese in Zweifel zieht, spricht in jenes Ohr des Erzbischofs, das seit einer Gehirnhautentzündung im Kindesalter taub ist.

Als "sturköpfig" bezeichnet sich der ABC. So reagierte er auch, als Papst Benedikt XVI. ihn mit einer Abwerbung überraschte: Unzufriedene Anglikaner dürfen seit Herbst 2009 zum Katholizismus übertreten, erhalten eine Sonderstruktur innerhalb der katholischen Kirche und dürfen sich weiter von verheirateten Priestern betreuen lassen.

Manche Kommentatoren in London forderten Williams damals auf, dem Papst die Meinung zu sagen. Doch der ABC blieb sich treu, reiste wenig später nach Rom. Achtzehn Monate später gibt die Realität der anglikanischen Gelassenheit Recht. Statt der damals angekündigten rund 1000 Geistlichen ist bisher lediglich eine Handvoll konvertiert. Und der prominenteste Traugottesdienst des Jahres steigt wie selbstverständlich in der anglikanischen Staatskirche, unter Williams' Stabführung.