Missbrauchsprozess

"Er wollte bewusst Kinder mit mir haben"

Sie haben jahrelang unter ihrem Vater gelitten. Sie wurden vergewaltigt, geschlagen und an andere Männer für 50 Mark verkauft: die 18-jährige Jasmin S. und ihre 27 Jahre alte Stiefschwester Natascha S. aus dem kleinen Ort Fluterschen im Westerwald.

Sie geben dem unfassbaren Missbrauch, für den der Familienvater Detlef S. in Koblenz vor Gericht steht, ein Gesicht. Dem 48-Jährigen wird sexueller Missbrauch und Förderung sexueller Handlungen bei Minderjährigen in 350 Fällen vorgeworfen. Doch anders als bei solchen Missbrauchsfällen üblich, zeigen sich die beiden jungen Frauen. In einem Gespräch mit der Illustrierten "Bunte" schildern sie ihr Leid. Kaum zu glauben, dass ihnen niemand half. Auch das Jugendamt nicht.

"Er sagte, er wolle mir zeigen, wie schön so was ist. Er wolle mir das beibringen, als Papa dürfe er das", sagt Jasmin S. dem Blatt. Seit ihrem zwölften Lebensjahr verging sich der Angeklagte an ihr. Zum ersten Mal sei es im Auto passiert. "Ich weiß, dass er das nicht mit uns hätte machen dürfen. Aber er ist doch auch mein Papa. Und ich habe ihn auch lieb wie einen Papa. Aber wenn ich daran denke, was er mit mir gemacht hat, hasse ich ihn." Jasmin S. hat inzwischen auch vor Gericht ausgesagt. Die Öffentlichkeit wurde während der Befragung ausgeschlossen. Auch das dritte Opfer, der Bruder von Jasmin S., machte seine Aussage. Der junge Mann berichtete, wie der Stiefvater immer wieder zu Teppichklopfer oder einer selbst gebauten Lederpeitsche griff, die 20 Zentimeter lange Striemen hinterlassen habe.

Kurz darauf legte Detlef S. ein Teilgeständnis ab. Die Vorwürfe der Anklage, wonach er seine leibliche Tochter jahrelang missbraucht habe, seien zutreffend, sagte der Verteidiger des Familienvaters nach Rücksprache mit seinem Mandanten im Koblenzer Landgericht. Die junge Frau war wiederholt bei ihrer Aussage in Tränen ausgebrochen.

Bislang hatte Detlef S., der auch der "deutsche Fritzl" genannt wird, nur zugegeben, mit seiner Stieftochter acht Kinder gezeugt zu haben. Die Beweislast ist erdrückend. Alle Kinder stammen laut DNA-Test mit 99-prozentiger Sicherheit von ihm. Bei jeder Geburt war er dabei. Natascha S. sagt in der "Bunten" dazu: "Er wollte bewusst Kinder mit mir haben, deshalb hat er keine Kondome benutzt." Wenn sie vom Arzt die Pille verschrieben bekam, soll Detlef S. die Packungen weggeschlossen haben. In der Öffentlichkeit habe er den stolzen Opa und Patenonkel gemimt, erzählt Natascha S. weiter. Einen Mann habe er dazu gebracht, die Vaterschaft anzuerkennen. Damit habe sich der Hartz-IV-Empfänger etwas Geld dazuverdient. Der Mutter habe er vorgespielt, dass er wütend auf Natascha S. wegen der Schwangerschaften gewesen sei. "Dabei war er überglücklich und freute sich auf das Kind. Er hat mich allerdings auch geschlagen und vergewaltigt, als ich schwanger war." Dabei habe sie nicht nur geweint vor Schmerzen, sondern geschrien.

Dass dem Jugendamt nichts weiter auffiel, erklären die Opferanwältinnen Katharina Hellwig und Sandra Buhr in der "Bunten" damit, dass der zuständige Jugendamtsleiter den Missbrauch wohl nicht wahrhaben wollte. "Jasmin und Natascha haben uns erzählt, dass Herr G. ein Jugendfreund von Detlef S. sei, sogar auf dessen Hochzeit mit der Mutter der Mädchen war. Da ist es doch verdächtig, dass er die Kinder immer wieder in der Obhut von Detlef S. gelassen hat. Trotz aller Hinweise, dass in der Familie etwas nicht stimmt", sagte Anwältin Sandra Buhr. Auch das wird sicher während des Prozesses noch zur Sprache kommen. Natascha S. erzählt zudem, dass es "etliche Hilferufe" von ihr gegeben habe. Auch gegenüber der Mutter. "2004 habe ich ihr mal angedeutet, was er tut. Doch sie fing an zu weinen und schickte mich weg. Als 2008 der Fall Fritzl bekannt wurde, habe ich ihr gesagt, dass ihr Mann genau so einer sei. Doch wieder kam keine Reaktion." Die Mutter sei jedoch häufig bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt worden.

Tochter und Stieftochter des Beschuldigten wünschen sich nun nichts sehnlicher als Normalität. Sie träume von einem Leben "ohne Gewalt, ohne Schläge, ohne Fremdbestimmung", sagte die 27-jährige Stieftochter. "Vielleicht in einem kleinen Häuschen. Mit meinen Kindern und einem Mann, der mich liebt." Zudem wolle sie eine Friseurlehre machen. Ihre 18-jährige Halbschwester beginnt den Angaben zufolge eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. "Papa wollte nicht, dass wir Mädchen zur Schule gehen. Dort hatte er ja keine Kontrolle über uns." Freundinnen waren nicht erwünscht. Schon gar keine fremden Jungs.

Dass dieser Wunsch nach Normalität jemals in Erfüllung geht, bezweifelt die Anwältin von Jasmin S. laut SWR 4. "Ob sie gleich eine neue Identität braucht, kann ich nicht beurteilen, sie wird aber sicherlich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen müssen, um das Ganze zu verarbeiten. Wie es dann in zwei, drei Jahren aussieht, mag ich heute nicht zu beurteilen", sagte Sandra Buhr. Beide Frauen haben inzwischen Freunde, doch die kennen laut "Bunte" nicht alle Details ihrer Vergangenheit. Die 27-Jährige sagte der Illustrierten, sie fange erst jetzt langsam an zu verstehen, "wie sich Liebe anfühlt".