Zehn Millionen Euro

Mit Lottogeld den Chef gekauft

Geschichten von Lottogewinnern, die nicht recht wussten, was sie Sinnvolles mit ihrem plötzlichen Reichtum anfangen sollten, gibt es zur Genüge. Im Norden Frankreichs scheint ein 50 Jahre alter Mann auf eine vernünftige Idee gekommen zu sein: Am 4. September vergangenen Jahres gewann der Fernfahrer beim staatlichen Glücksspiel "La Française des Jeux" die sogenannte "Super Cagnotte", den Jackpot in Höhe von zehn Millionen Euro.

Mit dem Lohn hätte der Gewinner nun bis an sein Lebensende edlen Apfelbranntwein trinken können. Stattdessen entschied er sich für eine nützlichere Investition. Anfang Januar kaufte der Fernfahrer die Speditionsfirma Victoria Transport auf, bei der bislang angestellt war.

Für das Unternehmen war dies die Rettung, denn der Laden stand kurz vor der Pleite. Der einstige Fernfahrer ist nun sein eigener Chef, sein ehemaliger Patron fährt jetzt als Angestellter für ihn. Mit dem Rollentausch scheinen beide zufrieden zu sein. Als der langjährige Angestellte im September das große Los zog, befand sich die Firma bereits im Insolvenzverfahren. Durch die plötzliche Rettung konnten 15 Arbeitsplätze erhalten werden. "Der Laden war schon so gut wie geschlossen", erzählte der zum Unternehmer gewordene Lottogewinner der Zeitung "Le Parisien". "Einige Hunderttausend Euro" musste er für die Reste der Firma auf den Tisch legen. Die Schulden musste er allerdings praktischerweise nicht übernehmen. Der Mann, der im "Parisien" mit dem Pseudonym "Alexandre" bezeichnet wurde, laut "France Soir" aber Philippe heißt, verfügt nun über den alten Kundenstamm und ein Dutzend Lastwagen. Als "100-prozentiger Inhaber" ist er nun "Generaldirektor" des mittelständischen Betriebs. Künftig soll die Firma auch seinen Namen tragen. Seinen ehemaligen Chef, Stéphane Marie, hat Philippe als Angestellten behalten. "Er tat mir leid, deshalb habe ich ihm erlaubt zu bleiben", scherzt der neue Besitzer.

Tatsächlich bezeichnet er seinen ehemaligen Arbeitgeber sogar als "Freund". Ein derart herzliches Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist in Frankreich, dem Land, in dem "Bossnapping" als Methode zur Durchsetzung von Arbeitnehmerforderungen weit verbreitet ist, eher ungewöhnlich. Die Lottogesellschaft schaltete jahrelang Werbespots, in denen ein als Huhn verkleideter Angestellter, der im Lotto gewonnen hat, sich Zutritt zur Geschäftsführung verschafft und dem Boss ein euphorisches Ständchen singt, mit dem er seine Kündigung vermeldet: "Au revoir, président", singt das sichtlich hysterische Huhn.

Weiter täglich arbeiten

Auf derartig triumphale Abschiedsgesten konnte Philippe jedoch offenbar großzügig verzichten. Seine Verbundenheit mit dem Unternehmen geht so weit, dass er weiterhin täglich in die Firma geht. Sein ehemaliger Chef ist nun sein Untergebener, hat aber die operative Leitung des Geschäfts behalten. Seinem Retter ist er entsprechend dankbar: "Ohne ihn hätte ich das Ganze nicht verkraftet. Er ist erschienen wie der Messias", sagt Stéphane Marie. Dass er dafür seinen Chefsessel räumen musste, stört den ehemaligen Inhaber nicht: "Ach ja, ich war sein Chef, und jetzt bin ich halt sein Angestellter", erzählt er lächelnd. "Aber das stört mich nicht. Was er gemacht hat, ist außergewöhnlich. Er ist eines Tages in mein Büro gekommen und hat gesagt: 'Ich werde versuchen, deine Klitsche zu retten.' Und hat es getan."

Fehlt einer der Fahrer krankheitsbedingt, setzt sich Philippe auch nach wie vor selbst hinter das Steuer eines der Lastwagen und reißt Kilometer herunter wie schon 28 Jahre lang zuvor. "Ich fahre einfach gern", sagt er. Der 50-Jährige trägt weiterhin Jeans und T-Shirt. Anzug und Krawatte lägen ihm nicht so, sagt er. Durchsetzungsprobleme bei den Angestellten, das heißt ehemaligen Kollegen, hat er nicht. Anweisungen zu erteilen falle ihm nicht schwer, sagt er. Die alten Kollegen akzeptierten seine neue Rolle. "Die wissen ja, dass ich vorher selbst Fernfahrer war. Ich kenne sämtliche Strecken. Deshalb können die mir auch nicht einfach irgendetwas erzählen", sagt Philippe.

Auf die Frage, warum er sich nach dem Gewinn von zehn Millionen Euro das nicht eben gemütliche Gewerbe des Speditionswesens noch antut, anstatt die angenehmen Seiten des Lebens zu genießen und sich an exotischen Stränden auszuruhen, antwortet er nur: "Ich habe getan, was ich zu tun hatte. Ich war der Einzige, der infrage kam, das Geschäft zu übernehmen. Und da ich die Mittel hatte, um zu investieren, habe ich es getan, damit nicht 13 oder 14 Leute auf einmal in der Arbeitslosigkeit landen. Und so bleibe ich in einer Welt, die ich gut kenne. Man hört ja nicht einfach von einem Tag auf den anderen mit dem auf, was man kann." Und er ist überzeugt, dass seine Firma eine Zukunft hat. "Ich habe Lust, den Laden auszubauen und zu entwickeln."

Keine Yacht, keinen Ferrari

Seit seinem Millionengewinn im September hat er bislang keinen Tag Urlaub gemacht. Eine Villa, Yacht oder einen Ferrari geleistet auch nicht. Der Arbeitersohn ist auf dem Teppich geblieben und legt Wert auf Diskretion. Er lässt sich von einem Steuerberater und von einem Notar beraten und hat einen Großteil der gewonnenen Summe in "Immobilien und sicheren Werten" angelegt. Nur sein neuer, allradgetriebener Volvo verrät, dass er in Maßen bereit ist, sich etwas zu gönnen. Sonst spielt Philippe nach wie vor Lotto in dem "Café Tabac" in Saint-Martin-des-Besaces, wo er im September seinen Gewinnschein abgegeben hatte. "Der kommt jeden Morgen, trinkt seinen kleinen Kaffee und kratzt ein paar Rubbellose", erzählt die Besitzerin Nathalie Houdard, die Alexandre im September die frohe Botschaft überbracht hatte.