Fernsehen

Die Suche nach dem neuen Gottschalk

Der König ist fort, es lebe der König! So ist die Stimmung einen Tag nachdem Thomas Gottschalk seinen Abschied als Moderator der Samstagabendshow "Wetten, dass..?" verkündet hat.

Als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge gilt ausgerechnet ein Mann, dem Fans der Sendung in Internetforen das Charisma einer Schlaftablette attestieren: ZDF-Neuzugang Jörg Pilawa.

Aber immer der Reihe nach: Insider hat die Nachricht vom Rückzug Gottschalks nicht überrascht. Sinkende Quoten und die immer laute werdende Kritik an der Show und seiner Person hatten Gottschalk zermürbt.

Der folgenschwere Unfall von Samuel Koch in der Dezember-Ausgabe von "Wetten, dass..?" lieferte ihm jetzt einen Anlass abzutreten. Das Publikum solle ihn nicht mit diesem traurigen Erlebnis in Erinnerung behalten, sagte Gottschalk am Samstag zu Beginn der Show. Deshalb werde er nach dem Ende der Staffel gehen.

Das klang nach einem Abschied für immer, schließlich läuft Gottschalks Vertrag mit dem ZDF 2012 aus. Dabei denkt der Entertainer offenbar keineswegs daran, sich in den Ruhestand zu verabschieden.

Kaum war der Paukenschlag am Samstag verhallt, da beeilte sich ZDF-Intendant Markus Schächter schon, darauf hinzuweisen, dass der Liebling der Generation 60 plus dem ZDF auch in Zukunft als Moderator erhalten bleibe. "Wir sind gemeinsam auf der Suche nach einem Format, das den gereiften Thomas Gottschalk formieren wird."

Auf der Suche nach neuem Format

"Wetten, dass..?" werde es auch in Zukunft geben, verkündete Schächter - "nur eben mit einem neuen Moderator".

Einen Namen nannte er noch nicht. Die Diskussion über einen Nachfolger hat längst begonnen. Gottschalks Assistentin Michelle Hunziker allein, so viel kann man wohl sagen, wird das träge gewordene Flaggschiff nicht nicht in eine hoffnungsfrohere Zukunft führen. Zwar besitzt sie das, was Gottschalk fehlte. Sex-Appeal. Doch rudimentäre Deutschkenntnisse gelten auch in der Showbranche als K.-o-Kriterium.

Nach Umfragen führt der Komiker Hape Kerkeling die Wunschliste der Zuschauer an. Doch ob das ZDF ausgerechnet ihm das Steuer seines Flaggschiffs anvertraut, gilt als ungewiss. Kerkeling kokettiert auf der Bühne mit seiner Homosexualität. Einer wie er, so das Kalkül, könnte nicht nur die Marke "Wetten, dass..?" beschädigen.

Die Person Kerkeling dürfte den für wichtige Personalfragen zuständigen Verwaltungsrat verschrecken. Wie groß dessen Einfluss ist, hat zuletzt die Entlassung des missliebigen ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender gezeigt.

Auch der Name Günther Jauch soll schon gefallen sein. Doch dass der RTL-Quizmaster nach seiner wundersamen Verwandlung zum ARD-Polittalker noch eine weitere Baustelle in Angriff nimmt, darf wohl ausgeschlossen werden.

Als aussichtsreichster Kandidat gilt derzeit Jörg Pilawa, den das ZDF erst 2010 von der ARD abgeworben hat.

Wie die Bild am Sonntag in ihrer jüngsten Ausgabe berichtet, soll Pilawa ("Rette die Million") nur unter der Voraussetzung zum ZDF gewechselt sein, dass er der erste Ansprechpartner ist, wenn es darum geht, einen Nachfolger für Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass..?" zu suchen.

Erst wenn er das Angebot abgelehnt habe, könne sich das Zweite nach anderen Bewerbern umschauen. Eine entsprechende Abmachung soll er mündlich mit ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut getroffen haben. "Reine Spekulation", heißt es auf Anfrage der Berliner Morgenpost in Mainz.

Zwar hatte Gottschalk am Samstag verkündet, er werde sich nach zwei regulären Ausgaben von "Wetten, dass..?" am 18. Juni in der Stierkampfarena in Palma de Mallorca von den Zuschauern verabschieden. Doch inzwischen ist das ZDF wieder zurückgerudert. Nach den Worten von Peter Gruhne folgen im Herbst drei weitere Spezialausgaben von "Wetten, dass..?" Mit aktuellen Gäste werde Gottschalk dann noch einmal die Höhepunkte aus 30 Jahren Revue passieren lassen.

Anfang 2012 werde das ZDF dann eine "Wetten, dass..?"-Pause einlegen - und die Zeit nutzen, um sich Gedanken über ein neues Konzept zu machen, kündigte ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut an.

Erst mal Pause machen

Jörg Pilawa selber war am Sonntag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Er sei mit seiner Familie unterwegs und wolle nicht gestört werden, erklärte sein Sprecher, Enno Wiese.

Dabei mehren sich die Anzeichen, dass sich Pilawa gerade für eine große Offensive beim ZDF rüstet. Vertraglich hat er mit den Mainzern vereinbart, dass er mit seiner neuen Firma Herr P alle seine Unterhaltungssendungen selber produziert. Im Gespräch waren bislang nur die Sendungen "Rette die Million", die "Terra X Show" und die "Logo"-Show.

Vergangene Woche verlautete, dass eine der größten deutschen TV-Produktionsfirmen, Endemol Deutschland ("Big Brother"; "Wer wird Millionär?"), 51 Prozent der Anteile am Unternehmen Herr P erworben hat. Endemol-Geschäftsführer Markus Wolter kommentierte den Coup mit den Worten, man wolle Herr P zu einem wichtigen Akteur im TV-Produktionsgeschäft aufbauen - "mit Jörg Pilawa vor und hinter den Kulissen". Der neue ZDF-Hoffnungsträger solle sich künftig noch mehr auf das konzentrieren, was er am liebsten mache: "Moderieren und neue Formate entwickeln."

Alles sieht danach aus, als versetze die Kooperation Jörg Pilawa in die glückliche Lage, dem ZDF ein Rundum-sorglos-Paket aus einer Hand für die Zukunft von "Wetten, dass..?" anbieten zu können. Als Subunternehmer wäre er ein flexiblerer und vermutlich auch kostengünstigerer Produzent für diese Gemeinschaftsproduktion des ZDF mit dem Österreichischen (ORF) und Schweizer Fernsehen (SF).

Ob das neue Format dann noch etwas mit der alten "Wetten, dass..?" Show gemein hätte, darf jedoch bezweifelt werden. Ein schlechtes Omen? Keineswegs. So oder so wurde es Zeit für eine gründliche Inventur. Dass der König der Samstagabendunterhaltung jetzt freiwillig abtritt, eröffnet dem ZDF völlig neue Perspektiven.

Jörg Pilawa hat das in einem Interview im September 2010 naturgemäß diplomatischer formuliert: "Wenn das ZDF die Show eins zu eins fortführen würde, wäre dies ein Genickschuss für jeden, der sich nach Gottschalk auf das Sofa setzen würde."