"Wetten, dass..?"

Die Mutter aller Talentshows in der Krise

Am Ende wird alles so sein wie früher. Maria Furtwängler wird als Überraschungsgast aus der Torte springen, um erst ihren neuen ZDF-Zweiteiler zu vermarkten und dann die 30 Kerzen der Geburtstagstorte von "Wetten, dass..?" auszupusten. Udo Lindenberg wird wetten, dass es dem ZDF nicht gelingen wird, 1500 Doppelgänger ins Studio zu locken, die auf ihrer Unterlippe Snowboard fahren können.

Thomas Gottschalk wird damit drohen, die nächste Sendung in Jeans zu moderieren, falls es für die Jungs der wiedervereinten Boygroup Take That nicht genug Slips auf die Bühne hagelt, um damit die Hall of Fame zu tapezieren.

Wird es tatsächlich so sein wie früher? Am 4. Dezember 2010 ist ein 23-jähriger Wettkandidat in der Show verunglückt. Er schlug hart auf den Boden auf bei dem Versuch, den Wagen eines Herstellers zu überspringen, der als Gewinnspielpartner der Show firmiert: Audi. Es war ein Unfall, wie man inzwischen weiß. Aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

Lange galt "Wetten, dass..?" als das letzte elektronische Herdfeuer, um das sich die ganze Familie versammelte. Ein blond gelockter Herr, der sich wie der Sonnenkönig kleidete und wie ein Animateur für Kindergeburtstage gebärdete, entführte sie in eine andere Welt. Auf dieser Bühne verwandelten sich Büromäuse in trickreiche Erfinder, die die Nation mit immer neuen Wetten verblüfften. 884 Mal ging das gut, doch dann passierte etwas, was die Frage aufwarf, ob die Realität dieses lieb gewonnenen Relikt aus der Steinzeit der Samstagabendunterhaltung nicht längst überholt hat.

Promis statt Wettkandidaten

Der 23-jährige Hobby-Stuntman Samuel Koch hatte gewettet, dass er mit Sprungfedern über fünf Autos springen kann. Es war eine spektakuläre Wette, die aus dem Rahmen dieser Show fiel, doch der Zuschauer hat sich nichts dabei gedacht. "Wetten, dass..?" kam bislang ohne solche Superlative aus. Als Frank Elstner das Konzept für die Sendung 1980 in einer Nacht auf sechs DIN-A4-Seiten aufschrieb, da hatte er, ohne es zu ahnen, die Grundidee der Castingshow vorweggenommen.

Schließlich waren und sind die Wetten bis heute das Herzstück der Show. Mit "Wetten, dass..?" hatte Elstner eine Bühne für Menschen geschaffen, die etwas Außergewöhnliches beherrschen. 33 Kakteen mit der Zunge erkennen. Oder 1000 Kerzen in zwei Minuten auspusten. Die Mutter aller Talentshows lockt damit auch nach 30 Jahren immer noch beinahe zehn Millionen Zuschauer vor den Schirm. Eine gute Nachricht - eigentlich.

Doch was macht das ZDF? Weil sich die Sehgewohnheiten der Zuschauer ändern und die Quote infolgedessen bröckelt, ist der Sender immer weiter von seinem Erfolgsrezept abgerückt. Die Celebrities auf der Couch, sie haben den Wettkandidaten längst die Show gestohlen. Die Berben, der Lauterbach oder die Furtwängler zogen immer - und die PR-Bühne lockte die VIPs. Als der Moderator 1990 nach Kalifornien zog, kamen sie immer häufiger aus Hollywood.

Doch mit der Zeit verlor dieses Rundum-sorglos-Paket an Attraktivität. Prominente sitzen längst auch in anderen Talkshows. Hollywood-Stars haben im Kino mehr zu erzählen als auf Gottschalks Gästesofa. Und Chartstürmer treten längst auch bei der Konkurrenz auf. So gesehen wären die Macher von "Wetten, dass..?" gut beraten, sich wieder auf ihre Kernkompetenz zu besinnen und nur noch Wetten auszuwählen, die der Zuschauer zu Hause unfallfrei nachspielen kann.

Originelle Zaubertricks kommen beim Publikum ohnehin besser an als halsbrecherische Manöver. Man erinnere sich nur an den Teilzeit-Bauern Achim Jehle, der seine Kühe zweifellos an ihren Schmatzgeräuschen identifizieren konnte. Er wurde Wettkönig. Riskante Wetten wie die von Samuel Koch wird es nicht mehr geben. Diese Konsequenz hat das ZDF aus einer Expertise zum Hergang des Sturzes gezogen. Danach handelt es sich zwar eindeutig um einen Unfall, der Gutachter schließt aber nicht aus, dass der Sender zumindest eine Mitschuld trägt.

Für sein Krisenmanagement bekommt Thomas Gottschalk jetzt den Grimme-Preis - zu Recht. Schließlich hat er nach dem Sturz das einzig Richtige getan. Er hat die Sendung abgebrochen, zum ersten Mal in der Geschichte der Show.

Das Timing für diese Auszeichnung hätte kaum günstiger sein können: Dem 60-Jährigen eilt der Ruf voraus, er habe den Spaß an "Wetten, dass..?" mittlerweile ziemlich verloren.

Man kann es ihm nicht verübeln. Gottschalk ist einer der letzten Moderatoren, die noch mit ihrer Persönlichkeit punkten. Doch seine Kritiker nennen ihn einen "alten Sack". Und seit ihm das ZDF 2009 mit Michelle Hunziker eine mehrsprachige, aber einsilbige Assistentin zur Seite gestellt hat, muss sich der Opa tatsächlich als solcher fühlen. Doch die Talfahrt der Quoten konnte auch die Blondverstärkung nicht stoppen.

"Wetten, dass..?", heute, 20.15 Uhr, ZDF