Winnenden-Prozess

Vater des Amokläufers muss nicht in Haft

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Miriam Hollstein

Am Ende entzog sich der Angeklagte ein letztes Mal. Im Gerichtssaal erschien er erst, nachdem alle Kameras verbannt waren und die Richter bereits Platz genommen hatten. Dem Urteil konnte sich Jörg K., Vater des Amokläufers von Winnenden, nicht entziehen.

Mit regloser Miene hörte er zu, als ihn die 18. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen, fahrlässiger Körperverletzung in 14 Fällen und wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilte.

Die Richter folgten damit weitgehend den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Diese hatte auf eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren für den Vater plädiert. Die beiden Verteidiger des 52-jährigen Jörg K. hatten hingegen zwar einen Verstoß gegen das Waffengesetz zugestanden, für ihren Mandaten aber Straffreiheit gefordert. Er habe nicht vorhersehen können, dass sein Sohn einen Amoklauf begehen würde. Durch die Folgen der Tat sei er schon genug bestraft.

Die Tat war vermeidbar

Zum ersten Mal in der deutschen Rechtsgeschichte hatte sich der Vater eines Amokläufers vor Gericht zu verantworten. Fast drei Stunden nahm sich der Vorsitzende Richter Reiner Skujat daher Zeit, um das Urteil zu begründen. Seinem pedantischen Stil blieb er dabei treu. Doch fand er in einem Wust von juristischen Verweisen und Formulierungen zugleich überraschend klare und persönliche Worte - für alle Waffenbesitzer. Jeder, der Schusswaffen und Munition besitze, müsse damit rechnen, dass diese auch in die Hände von Unbefugten geraten könnten und damit Menschen umgebracht werden könnten. Die Tat seines Sohnes sei für Jörg K., wenngleich nicht in ihrer Dimension, "erkennbar und vermeidbar" gewesen. Zumal der passionierte Sportschütze das Gefahrenpotenzial der Tatwaffe, einer 9-Millimeter-Beretta, gut kannte. Es war seine eigene.

Das aber ist ein entscheidender Punkt. Denn wegen einer fahrlässigen Tötung darf laut Paragraf 222 des Strafgesetzbuches nur derjenige verurteilt werden, der das Endergebnis der Tat hätte vorhersehen können. Ob Jörg K. dies aber wirklich konnte, daran hatte es im Verlauf des Verfahrens immer wieder Zweifel gegeben. So waren die Ärzte einer psychiatrischen Klinik, die der 17-jährige Tim K. im Jahr vor dem Attentat wegen psychischer Probleme aufgesucht hatte, in ihrem Untersuchungsbericht zu dem Ergebnis gekommen: "Derzeit keine akute Fremd- oder Eigengefährdung".

Im selben Bericht ist bei Tim K. aber auch von einem "Hass auf die Welt" und Tötungsfantasien die Rede. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass die Ärzte die Eltern darauf schon in einem ersten Gespräch aufmerksam gemacht hatten. Jörg K. hatte das bei der Polizei bestritten. Er hatte aber zugegeben, die Ärzte nicht darüber informiert zu haben, dass sein Sohn Zugang zu Waffen hatte. Was der Vater ebenfalls verschwieg: Bereits nach dem ersten Kliniktermin nahm er seinen Sohn zum Waffentraining in den örtlichen Schützenverein mit - obwohl er noch nicht wusste, welche Art von psychischen Problemen sein Kind genau hatte.

Er habe den sozial isolierten Jungen "unter Leute bringen wollen", hat Jörg K. der Polizei gesagt. Und während Tim nach fünf Beratungsterminen die empfohlene weitere Therapie ablehnte, ging er weiter mit dem Vater zum Waffentraining und sammelte, so die Überzeugung des Gerichts, danach heimlich die übrig gebliebene Munition aus der Sporttasche seines Vaters. Weitere Patronen fand er im Haus. "Schlampiges Herumliegenlassen", nannte es Richter Skujat. Für die Waffe selbst musste Tim K. am Tatmorgen nur in den Kleiderschrank im elterlichen Schlafzimmer greifen. Hier bewahrte der Vater die Beretta aus Angst vor Einbrechern schon seit rund zwei Jahren ungesichert auf.

Maßgeblich für das Urteil waren auch die auf dem Computer von Tims jüngerer Schwester gefundenen Chatprotokolle. Bereits seit Ende 2007 hatte sie einem Freund von den massiven psychischen Problemen ihres Bruders berichtet - und von den Reaktionen der Eltern. So notierte die Schwester im April 2008, die Mutter wolle wegen Tim zum Arzt gehen. Der Vater habe darauf erwidert, der Junge müsse zum Psychiater, weil er manisch-depressiv sei, "wie die Oma". Am 8. März 2009 beklagte sich die Schwester, in der Familie werde nie über Gefühle gesprochen. Drei Tage später geschah die Tat.

Deutlich kritisierte Skujat Jörg K. dafür, dass er in der Hauptverhandlung nicht zur Aussage bereit war. Das sei zwar sein Recht. Bei den Angehörigen der Opfer habe dies für Enttäuschung gesorgt. Skujat machte deutlich, dass eine Aussage von Jörg K. vor Gericht sich möglicherweise strafmildernd ausgewirkt hätte. Zugleich betonte der Vorsitzende Richter: "Auf dem Angeklagten lastet nur ein Bruchteil der Schuld seines Sohnes." Jörg K. habe ein faires Verfahren bekommen.

Positiv reagierten die meisten Angehörigen der Opfer, die als Nebenkläger anwesend waren, auf das Urteil. "Ich kann damit sehr gut leben", sagte Gisela Mayer, Mutter der in der Schule getöteten Referendarin Nina Mayer, nach der Verhandlung. Das Urteil habe eine "deutliche Signalwirkung nach außen" - an Waffenbesitzer und an Eltern. Sie müssten Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Beim Plädoyer der Staatsanwaltschaft war bei vielen noch Zorn spürbar gewesen. Sie hätten den Angeklagten lieber im Gefängnis gesehen. Richter Skujat betonte immer wieder das Leid der Angehörigen. Gegen Ende sprach er noch eine ungewöhnliche Warnung aus. Anlass waren die Morddrohungen gegen den Angeklagten: Wenn Jörg K. oder seiner Familie etwas passieren sollte, werde man "wissen, wo man sich hinzuwenden hat".