Entführung

"Ich bringe die Mädchen nicht zurück"

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Seit elf Tagen sind Alessia und Livia schon verschwunden. Elf Tage, in denen das Rätsel um den Verbleib der sechsjährigen Zwillingsmädchen aus der Schweiz immer größer und die Suche nach ihnen immer schwieriger geworden ist. Inzwischen wissen die Ermittler nicht einmal mehr, in welchem Land sie nach den Kindern suchen sollen.

Der mysteriöse Fall der Mädchen, die von ihrem Vater entführt worden waren, begann am 30. Januar in der Schweiz. Vier Tage später warf sich der 43-Jährige in Italien vor einen Zug - nach einer Odyssee, die offenbar auch nach Frankreich und über Korsika geführt hat. Wohin er die Kinder aus ihrem Schweizer Wohnort Saint-Sulpice mitgenommen hat, wie lange sie in seiner Begleitung waren und wo sie jetzt sind - das wissen weder der Schweizer Krisenstab noch die Ermittler der anderen Ländern. Von Alessia und Livia fehlt jede Spur.

Was von Ermittlern und Medien bisher an Puzzleteilen zusammengetragen wurde, ergibt nur ein sehr lückenhaftes Bild. Sicher ist, dass der Vater die Zwillinge am 30. Januar im westschweizerischen Kanton Waadt entführt hat; dort, unweit seines Hauses in Saint-Sulpice, wurden die Mädchen das letzte Mal gesehen. An diesem Tag schrieb Matthias S. seiner italienischen Frau, die sich von ihm getrennt hatte, laut Medienberichten eine SMS mit den Worten: "Ich bringe die Mädchen nicht mehr nach Hause zurück". "Sie hat nach dieser SMS gewusst, dass etwas nicht stimmt, und sofort Alarm geschlagen", zitiert die italienische Zeitung "La Repubblica" den Cousin der Mutter, Roberto Mestichelli.

Der Vater sah sie am Wochenende

In der Familie hatte es schon seit Längerem Probleme gegeben; die Polizei spricht von einer schwierigen Trennungssituation. Alessia und Livia lebten im Haus ihrer Mutter, die sich von ihrem Mann scheiden lassen wollte. Der Vater, der im gleichen Dorf am Genfer See lebte, sah seine Töchter stets an den Wochenenden - so auch am 30. Januar. Doch statt sie wie sonst nach Hause zurückzubringen oder am Montag zur Schule zu fahren, setzte er sie in den Audi A6 ihrer Mutter und verschwand mit ihnen.

Die Spur des Vaters führt von Saint-Sulpice nach Frankreich, zunächst nach Annecy, wo der 43-Jährige gesehen wurde, dann nach Marseille. Dort kaufte er am 31. Januar drei Tickets für die Fähre zur Mittelmeerinsel Korsika; außerdem hob er an verschiedenen Automaten rund 7500 Euro ab. Eine Postkarte aus Marseille traf zwei Tage später bei seiner Frau in Saint-Sulpice ein, Matthias S. schrieb ihr von dort, dass er verzweifelt sei und ohne sie nicht leben wollte.

Die Tickets für die Fähre wurden am Pier entwertet, teilte die Staatsanwaltschaft von Marseille mit - aber dies genüge eben nicht, um sicher zu sein, dass der Vater und die Mädchen wirklich an Bord waren. Erste Berichte, dass die Zwillinge mit ihrem Vater in Marseille gesehen wurden, wurden dementiert - ein herber Rückschlag für die Ermittler.

Denn damit lässt sich die Suche nach den Mädchen nicht einmal auf ein Land eingrenzen. Möglich, dass sie mit ihrem Vater in Frankreich waren und nach Korsika übergesetzt sind, möglich sogar, dass sie von dort aus weiter nach Italien reisten - möglich aber auch, dass sie die Schweiz nie verlassen haben.

Selbst bei Matthias S. kann die Polizei nicht sicher sagen, dass er tatsächlich auf der Fähre um 18.35 Uhr in Marseille ablegte und am 1. Februar frühmorgens in der korsischen Hafenstadt Propriano ankam. Weder er noch seine Kinder wurden dort gesichtet. Allerdings halten es die Ermittler für denkbar, dass zumindest der 43-Jährige auf Korsika war, um von dort aus nach Italien weiterzureisen. Dort wurde Matthias S. am 3. Februar mittags in einer Pizzeria bei Neapel gesehen - allein, doch er wirkte weder gestresst noch beunruhigt. Im Gegenteil: Erst bestellte er Antipasti, Pizza und ein Dessert, dann hielt er einen kleinen Plausch mit dem Chef des Lokals.

Das war knapp zwölf Stunden vor seinem Selbstmord im rund 180 Kilometer entfernten Ort Cerignola. Was in der Zeit bis zu seinem Tod geschah und wieso er bis nach Apulien fuhr, ist noch nicht geklärt. Fest steht nur, dass Matthias S. am Abend des 3. Februar das gestohlene Auto seiner Frau in Cerignola bei Bari am Bahnhof parkte, abschloss und sich vor einen Zug warf. Ohne einen Hinweis zurückzulassen, wo sich seine Töchter befinden - und ob sie wohlauf sind.

Die Schweizer Polizei hat daher den internationalen Krisenstab "Opération Gemelle", die "Operation Zwillinge", ausgerufen. Auch Interpol wurde eingeschaltet: In allen 188 Mitgliedsstaaten der Polizeiorganisation sind Fahndungsfotos veröffentlicht worden. Zudem haben Polizeistaffeln in allen drei Ländern die Suche aufgenommen oder fortgesetzt.

In dem Schweizer Heimatort der Mädchen nahe Lausanne setzten rund 40 Polizisten ihre Suche mit Spürhunden fort und forschten an allen Tankstellen der Umgebung nach. Und auch in der süditalienischen Region um Cerignola beteiligten sich Bergrettungskräfte, berittene Helfer und Helikopter; selbst in Brunnenschächte kletterten Feuerwehrmänner auf der Suche nach den Sechsjährigen.

Je mehr Zeit vergeht, desto weniger Hoffnung hat die Polizei, Alessia und Livia unversehrt wiederzufinden. Ihr Verbleib ist ein Rätsel, und darüber hinaus gibt es in diesem Fall viele weitere Puzzleteile, die nicht zueinanderpassen wollen. Etwa, dass Matthias S. die Kleider seiner Töchter sowie die Kindersitze für das Auto in seiner Wohnung in Saint-Sulpice gelassen hatte - weshalb die Polizei vermutet, dass er die Schweiz allein verließ. Doch wieso kaufte er dann in Marseille drei Fährentickets?

Testament zugunsten der Kinder

Genauso mysteriös ist, dass der Mann im italienischen Genua gesehen worden sein soll - doch dorthin wäre er schneller direkt mit dem Auto gekommen, statt zuerst per Fähre nach Korsika zu fahren. Wozu also dieser Umweg? Und wieso sendete er seiner Frau das Geld in die Schweiz? Sie erhielt gestern mehrere Umschläge mit rund 5000 Euro, aufgegeben in Cerignola. Und schließlich: Weshalb hat der Vater seine Zwillinge entführt? Um mit ihnen durchzubrennen? Um die Scheidung von seiner Frau abzuwenden? Oder um seiner scheinbar ausweglosen Situation ein Ende zu bereiten und erst seinen Kindern und dann sich selbst etwas anzutun? Nach elf Tagen ohne Lebenszeichen befürchten viele Ermittler das Schlimmste.

Doch noch läuft die Suche. Und zwei Indizien geben Anlass zur Hoffnung. Zum einen die Aussage ihrer Mutter, die mitteilte, dass ihr toter Ehemann seinen Kindern nichts angetan haben könne, da er sie über alles geliebt habe - eine Einschätzung, die Medienberichten zufolge alle Verwandten und Bekannten der Familie teilen. Und zum anderen gibt es das Testament von Matthias S., in dem er seinen beiden Mädchen den größten Teil seines Besitzes vermacht. Er hatte es erst am 27. Januar entsprechend geändert - drei Tage bevor er mit den Mädchen verschwand.