Olaf H. hat die Polizei belogen

Hat Mircos Mörder schon früher getötet?

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Im Mordfall Mirco hat sich das angebliche Tatmotiv des 45-jährigen Tatverdächtigen Olaf H. "nachweislich als falsch erwiesen". Dies teilte die Polizei Mönchengladbach am Sonntag mit. Zudem prüfen die Ermittler, ob er in weitere Todesfälle von Kindern verwickelt ist.

Olaf H., der Mitarbeiter eines großen Telekommunikationsunternehmens ist, hatte zunächst gesagt, ein Anruf seines Vorgesetzten habe ihn so in Wut versetzt, dass er mit der Tat Druck und Frust habe ablassen wollen. "Überprüfungen und Vernehmungen im Arbeitsumfeld des Schwalmtalers" ergaben laut Polizei nun aber, dass ein solches Telefongespräch niemals stattfand. "Der angegebene Vorgesetzte war zu der Zeit in Urlaub", teilten die Ermittler mit.

Polizei ermittelt im Fall Claudia

Der zehnjährige Mirco aus Grefrath war am 3. September vergangenen Jahres verschwunden. Ende Januar wurde der Tatverdächtige Olaf H. festgenommen. Der Mann ist geständig und hatte die Ermittler zum Tatort und damit auch zur Leiche des Kindes geführt. Seitdem sitzt der Familienvater unter anderem wegen Mordverdachts und Verdachts auf sexuellen Missbrauch in Untersuchungshaft. Er soll Mirco am 3. September entführt, sich in einem Waldstück an ihm vergangen und ihn dann umgebracht haben.

Nach dem "vorläufigen Abschluss der Vernehmungen" teilte die Polizei Mönchengladbach am Sonntag weiter mit, auch die "Angaben des Tatverdächtigen zu den Tatumständen variierten mehrfach, sodass ein genaueres Bild frühestens nach einer eingehenden psychologischen Untersuchung möglich sein wird". Derweil laufen die Ermittlungen den Angaben zufolge weiter. So wird überprüft, ob H. "eventuell auch für weitere ähnlich gelagerte Straftaten infrage kommen könnte". Einen konkreten Hinweis hierzu gebe es aber bisher nicht, betonte die Polizei.

Die "Bild am Sonntag" hatte zuvor berichtet, dass Beamte am Freitag mit Leichenspürhunden das Haus und den Garten von Olaf H. in Schwalmtal durchsucht hätten. Chefermittler Ingo Thiel sagte dem Blatt: "Wir überprüfen derzeit, ob Olaf H. weitere Straftaten begangen hat."

Thiel verwies dem Zeitungsbericht zufolge konkret auf den Fall Claudia R. Seit fast 15 Jahren fahndet die Bonner Mordkommission nach dem Mörder des damals elf Jahre alten Mädchens. Claudia verschwand 1996 bei Grevenbroich und wurde zwei Tage später tot auf einem Feldweg gefunden.

Im Fall Mirco hat H. seinem Anwalt Gerd Meister laut "Bild am Sonntag" inzwischen ein ganz anderes Tatmotiv erzählt. "Mein Mandant hat mir anvertraut, dass er selber als Kind sexuell missbraucht worden sei", sagte sein Verteidiger. Laut Anwalt Meister hätte die Familie von Olaf H. zu dem mutmaßlichen Kindsmörder gesagt: "Wenn du's gemacht hast, dann erfordert es der Anstand gegenüber Mircos Eltern, dass du dich ohne Ausreden stellst."

Die Ermittlungen im Fall Mirco wurden mit einem in der Kriminalgeschichte Deutschlands einmaligen Aufwand geführt. Einen Tag nach Verschwinden des Zehnjährigen suchte die Polizei mit Tornado-Flugzeugen, Drohnen, mit Hunden, Tauchern und zeitweise mit bis zu 1000 Beamten nach Mirco. Sie fanden das Fahrrad. Tage später an einem Parkplatz wurden Mircos Jogginghose, sein graues T-Shirt und die Socken gefunden, nach Wochen sogar sein Handy - alles in einem Umkreis von wenigen Kilometern. Schon sehr früh ging die Soko "Mirco" von einem Täter aus der Gegend aus, die Beamten waren sicher, dass er sich in der Umgebung auskennen müsse. Über Plakate, Zeitungsanzeigen und im Fernsehen suchten sie Zeugen und bekamen unzählige Hinweise. Die ganze Region suchte zeitweise mit nach dem verschollenen Jungen. Mit modernsten kriminaltechnischen Methoden konnte die Polizei schließlich den Autotyp des mutmaßlichen Täters identifizieren, einen VW Passat. Mehr als 1000 Autos dieses Typs wurden in den folgenden Monaten akribisch auf Faser- und genetische Spuren untersucht. Eines von ihnen führte die Polizei schließlich zum Täter, Olaf H.

Aufsehen erregte der Fall auch wegen der Äußerungen der Eltern des getöteten Jungen nach der Festnahme des mutmaßlichen Täters. So sagte Mircos Mutter Sandra im Gespräch mit "Geist bewegt", einer Publikation der freikirchlichen Pfingstgemeinden, sie halte Olaf H. für einen "belasteten Menschen, der nicht wusste, wohin mit seiner Last". Der Mann "muss wohl im wahrsten Sinne des Wortes vom Teufel geritten worden sein".

Die Familie selbst, die dem Interview zufolge "ihre Last zu Gott bringt", tröstet sich intensiv mit ihrem Glauben: "Wir glauben, dass Gott Mirco an seine Hand genommen hat, um ihm den Himmel und alle Herrlichkeit zu zeigen. Und wir werden Mirco wiedersehen."

( BM )