Winnenden

Die Zuversicht dribbelt

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Tobias Frey

Gekonnt dribbelt Elena Altmann an einem Gegenspieler vorbei, schießt einen Pass zum Mitspieler rüber, Tor, 1:0! Jubel, kurzes Abklatschen und weiter geht's. Das Trainingsspiel hat erst begonnen, es gibt keine Zeit zum Durchatmen. Die 17-Jährige steht gemeinsam mit zwölf Mädchen und Jungen, Männern und Frauen auf dem Kunstrasenplatz in Weiler zum Stein, fünf Kilometer von Winnenden entfernt.

Es ist kalt und ungemütlich, Schnee liegt auf dem Spielfeld. "Ach, das macht doch nichts", sagt Elena und lacht. Was aussieht wie das Spiel einer normalen gemischten Mannschaft, ist in Wahrheit eine Form der Trauerbewältigung.

Am 11. März 2009 stürmte Amokläufer Tim K. schwer bewaffnet in die Albertville-Realschule und schoss mit einer Pistole wahllos um sich. Neun Schüler und drei Lehrerinnen fielen dem Kugelhagel zum Opfer, sie hatten keine Chance. Auf der Flucht tötete der 17-Jährige drei weitere Menschen, ehe er sich in Wendlingen bei Esslingen das Leben nahm. Elena saß an jenem Tag in Zimmer 305, neben ihren Freundinnen Jana, Chantal und Kristina. Alle drei sind tot, Tim K. erschoss sie kaltblütig. Auch Klassensprecherin Elena wurde von fünf Schüssen getroffen, sie überlebte schwer verletzt.

Heute versucht die ehemalige Albertville-Schülerin, nicht mehr an die grausame Tat zu denken. "Im Training kann ich mich ablenken und auspowern, Fußball spielen macht mir riesig Spaß. Außerdem tut es gut, wenn Freunde um mich herum sind, die mich verstehen und auch mal in den Arm nehmen." Es ist ein ungewöhnliches Team, fast alle Spieler sind Opfer oder Angehörige von Opfern des Amoklaufs. Initiiert wurde die Mannschaft von dem Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden. Seit November 2009 treffen sich die Schüler und Erwachsenen jeden Freitagabend zum Training.

Tobias Sellmaier, 36 Jahre, gelernter Offsetdrucker, ist Coach des Teams. Er kennt die Opfer, am Tag des Amoklaufs fuhr er mit einigen im Schulbus Richtung Winnenden. "Drei Stunden später waren sie tot. Als ich das erfahren habe, war ich geschockt und habe geweint", erzählt der Familienvater. Als Jugendleiter des FSV Weiler zum Stein wusste Sellmaier, wie hilfreich Sport bei der Bewältigung von Problemen ist. Daher war er auch sofort bereit, als Trainer den Hinterbliebenen und Opfern zu helfen. Jeder kann mitmachen: Schüler, Studenten, Geschäftsleute und Hausfrauen. "Es zählt der Mensch, nicht die sportlichen Fähigkeiten", sagt Sellmaier. Während der Übungseinheiten wird nicht über den Amoklauf gesprochen. In Gedanken seien sie aber trotzdem oft bei den Opfern. Um die Trauer zu bewältigen, beschwört der Coach den Teamgeist auch außerhalb des Spielfeldes: So trifft sich die Mannschaft zum Essen oder schaut Fußballspiele an.

Wie wichtig das Team für viele der Spieler inzwischen ist, zeigte sich in den vergangenen Wochen und Monaten. Seit September 2010 muss sich der Vater des Amokläufers vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten - wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz sowie fahrlässiger Tötung in 15 und Körperverletzung in 13 Fällen. Die Staatsanwaltschaft hat gegen Jörg K. zwei Jahre Haft auf Bewährung beantragt. Das Urteil soll Donnerstag fallen.

Der Prozess hat vieles bei den Spielern wieder hervorgeholt: die Angst, die Trauer, die Hilflosigkeit. Fußball ist für sie eine inzwischen erprobte Ablenkung und Hilfe. "In der Gemeinschaft ist man stärker. Jedes Lachen ist für mich ein großer Lohn", sagt Trainer Sellmaier.