Anna Chapman

Das russische Fräuleinwunder

Für ein Zeitungsinterview verlangt sie 25 000 Dollar, in Talkshows werden ihr Löwenbabys geschenkt, Präsident Dmitri Medwedjew persönlich zeichnete sie mit einem Orden aus. Und ihr Name ist seit ein paar Tagen als Markenzeichen geschützt: Anna Chapman.

Anna Chapman, geborene Kuschtschenko, knapp 29, hat es geschafft. In Russland ist sie eine halboffizielle Nationalheldin.

Dabei wurde sie mit einer Affäre berühmt, die Russlands Auslandsgeheimdienst bis auf die Knochen blamierte. Anna Chapman wurde im Juni vergangenen Jahres zusammen mit neun anderen russischen Spionen in den USA verhaftet und im Zehner-Pack im Juli gegen vier Russen, die als westliche Agenten in russischen Gefängnissen saßen, ausgetauscht. Sie war erst seit Februar in den USA. "Um in Moskau wichtige Unternehmer zu treffen, musst du selbst Geschäftsmann sein und Erfolg haben. Hier gehst du abends mit deinem Nachbarn essen und lernst dabei einen der größten Investoren kennen", hatte sie noch kurz vor der Pleite in New York geschwärmt. Offenbar war sie guten Mutes, den größten Investoren nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Geschäftsgeheimnisse aus den Taschen zu plaudern.

Papas Rat kam zu spät

Mehr als ein paar gehaltlose E-Mails an einen Mitarbeiter der russischen ständigen Vertretung bei den UN kam dabei nicht heraus. Als es dann ernst wurde, stellte sie sich eher dämlich an: Im Juli rief sie ein verdeckter Ermittler des FBI an, erklärte, er sei ihr russischer Führungsoffizier, und vereinbarte ein Treffen, bei dem er ihr einen gefälschten US-Pass für einen anderen russischen Agenten in die Hand drückte. Den möge sie doch bitte weiterleiten. Anna, nach Aussagen ihres britischen Ex-Mannes, eine Intelligenzbestie mit einem IQ von 162, schwante Böses - aber erst hinterher. Sie telefonierte mit ihrem Vater in Moskau, der als Sowjetdiplomat und KGB-Offizier in Afrika gedient hatte. Auch das Gespräch wurde abgehört. Papas Rat, den Pass bei der Polizei abzugeben, kam zu spät. Auf der Wache wurde sie festgenommen.

Anna, die in Moskau Wirtschaft studiert hatte, in London als eher kleine Angestellte bei einer Fluggesellschaft und einer Bank gearbeitet hatte, danach in Moskau erfolglos per Internet mit Immobilien makelte, wurde zur Sextrophäe der Westmedien, das gefangene Bond-Girl, die russische Mata Hari, oder kurz "006". US-Vizepräsident Joe Biden antwortete einem Journalisten auf die Frage, ob die US-Geheimdienste auch so heiße Spioninnen hätten, grinsend mit Nein. Und er sei dafür, die ausgewiesene Chapman wieder zurückzuholen.

Wieder in Russland, sollte Anna noch größer rauskommen. Wladimir Putin, Russlands starker Mann, adelte sie und die anderen aufgeflogenen Maulwürfe bei einem geselligen Beisammensein, wo man gemeinsam Sowjetschnulzen sang. In Annas Heimatstadt Wolgograd wurde eine Initiative gestartet, ihr die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. Ganz offenbar hat man im Kreml beschlossen, Anna Chapman zur Galionsfigur des neurussischen Patriotismus zu machen. Chapman hat sich für diverse russische Männermagazine entblößt und dabei mit einer silbernen Pistole gefuchtelt. Seit Kurzem moderiert sie ihre eigene Doku-Trash-Show: "Anna Chapman und die Geheimnisse der Welt". Vampirblass geschminkt und in einen schwarzen Toga-Verschnitt mit rotem Brustteil gekleidet, starrt sie an der Kamera vorbei und deklamiert kehlig: "Ich enthülle alle Geheimnisse."

Kurz vor Silvester wurde sie in einer Talkshow des Staatsfernsehens zum "Mädchen des Jahres" ausgerufen. Aber zu artig waren die Fragen des Moderators, zu phrasenhaft ihre Antworten: "Das Vaterland zu lieben ist unverzichtbar, um glücklich zu sein in der Heimat." Oder zu unfreiwillig komisch: "Die Kenntnisse, die ich im Ausland erworben habe, mögen ja auch Russland von Nutzen sein." Ihr grünes Stretchkleid saß hauteng, die Fingernägel schimmerten blutrot, aber selbst ihre als Zaungast geladene kleine Schwester verbreitete mehr Charisma. Die Einschaltquoten stürzten ab.

Politisch uninteressierte Moskauer wissen gar nicht, wer die Chapman ist. Und die übrigen halten sie keineswegs für eine Sensation. Moskau oder Sankt Petersburg sind voll mit attraktiven, ehrgeizigen Uni-Absolventinnen, die sehr darauf achten, dass die obersten Knöpfe ihrer Blusen offen stehen. In jedem U-Bahn-Waggon säße ein halbes Dutzend hübscherer Mädchen, kommentierte Radio Echo Moskwy.

Anna Chapman ist eine der erfolgreichsten, aber keineswegs die überragende Vertreterin ihrer Generation. Einer Generation bildhübscher und gescheiter Russinnen, die ausgezogen sind, um reich und berühmt zu werden. "Anna Chapman hat geschafft, wovon jede Russin seit Tschechows ,Drei Schwestern' träumt. Sie hat sich aus dem Morast der Provinz befreit", erklärt der Politologe Stanislaw Belkowskij. "Sie hat die Betonumarmung zerrissen. Das wollen alle in Russland, aber es schaffen nur wenige."

Anna erzählte schon als Wolgograder Schülerin ihren Freundinnen, sie werde einen Engländer heiraten. Aber auch die Freundinnen hatten lange Beine. Eine, Ljerka Apanasenko, ging als Fotomodell nach Tokio, eine andere, Ljena Slesarjenko, wurde Hochsprungolympiasiegerin.

Das russische Fräuleinwunder tanzt auf Pekinger Bartresen, auf Pariser Laufstegen, es heiratet in Russland und der Welt jährlich Milliardenvermögen, ein Wunder, gemischt aus Talent, Sex-Appeal und Skrupellosigkeit. Diese postsowjetischen Girls sind heidnisch, gehemmt weder von sozialistischen noch von christlichen Werten, weder von Bescheidenheit noch von Ehrlichkeit oder Treue. Sie leben nach dem Motto: "Alle Männer wollen übertölpelt werden."

Sie liebt Männer mit Geld und Macht

Chapman erklärte vor Kurzem, sie liebe offene und starke Männer. Man könnte auch sagen, Männer mit Geld und Macht. Aber man könnte auch sagen, Vaterfiguren. Viele russische Karrieristinnen stammen aus Familien mit abwesenden oder schwachen Vätern. Anna Chapmans Vater diente in Afrika der Sowjetheimat, während sie in Wolgograd von der Großmama erzogen wurde.

Obwohl ihr Ex-Gatte Nacktfotos von Anna an die Presse verkauft hat, obwohl Großbritannien ihr die Staatsbürgerschaft und die Einreiseerlaubnis entzogen hat, denkt sie nicht daran, wieder ihren russischen Geburtsnamen anzunehmen. Chapman klingt für russische Ohren viel interessanter. Den Patentantrag für diesen Namen hat die geschäftstüchtige Anna schon vergangenen August abgegeben - einen Monat nach ihrer Abschiebung aus den USA.

"Männer wollen übertölpelt werden"

Motto vieler schöner junger Russinnen