Handel

Ein Mann für gewisse Stunden

1961. Das war das Jahr, in dem ich sehr sicher war, dass mein Name Goldie Goldfasan ist. Ich war vier und sehr viel draußen, ohne Sonnenschutz natürlich, das hätte ja verhindert, dass ich braun werde. Und Farbe war Wohlstand damals.

Ich wurde allerdings ganz besonders dunkel und hatte im Gegensatz zu meinen älteren, auch gut gegrillten, aber eben sehr blonden Geschwistern, viele sehr schwarze Locken auf dem Kopf, weshalb ich offenbar aussah wie das berühmte "Besatzungskind" - und deshalb zu Weihnachten "Negerpüppchen" geschenkt bekam, was als politisch korrekt galt. So war das 1961.

Es war das Jahr, als das ZDF auf Sendung ging, die Sammelbilderfirma Panini in Italien gegründet wurde, als große Perlmuttknöpfe angesagt waren und die Jugend "bezahlbare" Mode forderte. Konrad Adenauer war Bundeskanzler, John F. Kennedy wurde Präsident der Vereinigten Staaten. Und Ken Carson kam auf die Welt! Gleich erwachsen. Barbie sollte schließlich einen Freund haben. Dass er (zwei Jahre) jünger war als sie, wurde natürlich verschwiegen. Das gehörte sich so wenig wie wilde Ehe, weswegen man ja andauernd Hochzeit spielen sollte. Wobei es dann eine ganze lange Zeit nicht sicher war, ob Ken überhaupt Frauen würde heiraten wollen. Aber schwul war wirklich kein Wort, das in den 60ern kinderzimmer- geschweige denn salonfähig war.

Aber eigentlich war Ken ja auch ein Bruder. Jedenfalls haben seine Erfinder, die Handlers, ihn so genannt, weil ihr Sohn auch so hieß. Barbie war der Spitzname ihrer Tochter.

Ken kam zunächst in der roten Badehose daher, mit kantiger kurzer Veloursfrisur, Korksandalen, irre dünnen Beinen und ohne jeden Muskel. Auch ohne alles unter der Hose. Ken sah schon gut aus, vor allem in Smoking und Pyjama, und die elegante Strandjacke könnte Tom Ford heute noch inspirieren, und mit der Zeit übte er auch immer mehr Berufe aus, aber er hatte uncoole steife Arme und steife Beine und einen erschrockenen Blick. Der wurde im Laufe der Jahre nicht intelligenter, während Körper, Frisur und Kleidung sich dem Zeitgeist anpassten. Er trug allein neun verschiedene Haarfarben, selbstverständlich auch Vokuhila, übte mehr als 40 Berufe aus und besonders leidenschaftlich den des Schauspielers, doubelte James Bond, Captain Kirk, Vampir Edward Cullen und viele andere. Doch während Frau von Mattel eine ungeheure Weltkarriere hinlegte, stand er von Anfang an in ihrem Schatten. Mehr Accessoire als Hauptperson eben. So gesehen ist es fast erstaunlich, dass die Amerikanerin es nie schaffte, zum Maskottchen der Emanzipationsbewegung zu werden.

1964 stand in der "Bild am Sonntag": "Barbie hat alles, wovon ein Mädchen träumt: eine komplette Garderobe vom Bikini übers Abendkleid bis zum Pelzmantel, auch ein Satz Perücken fehlt nicht. 1000 Mark kostet ihre Ausstattung ... Inzwischen bekam Barbie auch einen Boyfriend, den flotten Ken, der sie im Smoking oder als Baseballspieler begleitet. Seine Ausstattung: wieder 1000 Mark. Wenn das über den Ozean kommt!"

Kam es natürlich wenige Monate später. Wobei der Einstiegspreis weit niedriger lag. Und ich war sehr froh, dass Ken auch mitgekommen war. Denn ich hatte nur eine Petra-Puppe, die Billigkopie. Auch nur zufällig, alles andere fand meine Mutter bildungsfern. Alle anderen in der Klasse in dem norddeutschen Dorf, in dem wir eine Zeit lang lebten, hatten die Barbie. Und dazu Originalklamotten. Meine Petra trug von unserer Haushälterin Gehäkeltes. Dass das im Grunde der viel größere Snobismus war, ahnte ich nicht. Ich war einfach nur raus. Doch dann kam Ken. Im Original. Nur in Badehose. Aber immerhin. Und er hat sich nicht anmerken lassen, dass Petra gar nicht Barbie war. Sie hat darüber hinweggesehen, dass er immer in den Shorts unterwegs war. Für ihn wurde nicht gehäkelt.

Es ist wohl überflüssig zu betonen, dass die Schmach mit dem Geburtsalibi meiner ersten Tochter konsumpsychologisch gründlich aufgearbeitet wurde. Legendär: der "Rasier mich"-Ken, der in den 70er-Jahren das Licht der Fabrikation erblickte. In den 90ern wurde Ken dann richtig sportlich, als Wintersportler geradezu biegsam. Was ihm im neuen Jahrtausend sogar zu einer Karriere als Balletttänzer verhalf. Aber das war vielleicht doch zu viel für Barbie. 2004 war Schluss mit Ken. Sensible Fans glauben bitte, dass er auf eine lange, einsame Abenteuerreise ging ...

Aber jetzt ist ja endlich alles wieder gut: Gestern stand Ken vor meinem Schreibtisch. Aber nicht als Howard Carpendale, keine Sorge. Eher Typ Boygroup. Wir werden ja alle nicht älter. Er ist auch nicht größer als 30,5 Zentimeter. Drunter bleibt er anonym, trägt allerdings eine Art Stringtanga. Für meinen Geschmack hat er mit seinen 50 Jahren etwas zu tief in den Gel-Topf der Sorte "Strandmatte" gegriffen, aber die Fremde hat ihm gutgetan, die Züge sind markanter, der Körper trainierter, er kann nun mit kerniger Stimme (wahlweise piepsiger!) Sätze wiederholen, die man ihm vorsagt. Dieser muss jetzt sein: Yes, wie Ken!