Harz-Elbe-Express

Harte Vorwürfe gegen den Lokführer des Unglückszugs

Gegen den Lokführer des verunglückten Güterzugs in Sachsen-Anhalt werden harte Vorwürfe laut: Nach einem Bericht des Bundesverkehrsministeriums hat der Mann vor dem frontalen Zusammenstoß mit einem Regionalexpress ein Haltesignal ignoriert und eines überfahren.

Der Fahrdienstleiter im Stellwerk Hordorf habe daraufhin über Funk einen Nothalt angeordnet, heißt es in dem Papier. Demnach ignorierte der Lokführer ein Vorsignal, das ihn auf das nahende Hauptsignal hätte aufmerksam machen und zum Bremsen veranlassen müssen. Das wenig später folgende Hauptsignal, das den Lokführer endgültig zum Anhalten hätte bringen müssen, wurde ebenfalls passiert.

Zehn Menschen starben bei dem Unglück. Für sie wird es an diesem Sonnabend im Halberstädter Dom eine Trauerfeier geben. Drei Tage nach dem Zusammenprall fuhren auf der Strecke Magdeburg-Halberstadt am Dienstag wieder die ersten Züge des Harz-Elbe-Expresses (HEX). Die Bahn kündigte Konsequenzen aus dem Unglück an, sie will die Sicherheitsvorkehrungen verbessern.

Die Opfer des Unglücks sind nun alle identifiziert. Unter ihnen sind neben dem aus Schwerin stammenden Lokführer des Personenzugs drei Frauen, fünf Männer und eine Zwölfjährige aus dem Landkreis Harz. Unter den 23 Verletzten sind zwei in weiterhin kritischem Zustand. Darunter ist eine Zehnjährige, sie ist die Schwester der toten Zwölfjährigen. Auch die Mutter der beiden Mädchen und deren Lebensgefährte kamen ums Leben.

Die Staatsanwaltschaft in Magdeburg zeigte sich erstaunt über den Bericht des Ministeriums. "Es befremdet uns ein wenig, dass Ergebnisse bekannt gegeben werden, die den Ermittlungsbehörden noch nicht vorliegen", sagte Behördensprecherin Silvia Niemann. Indizien deuteten aber darauf hin, "dass es so gewesen sein könnte". Gegen den 40 Jahre alten Lokführer des Güterzugs wird unter anderem wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Dem Bericht zufolge hatte der 35 Jahre alte Lokführer des Personenzugs den Regionalexpress nach dem Notruf von 98 Kilometern pro Stunde bis zum Zusammenstoß auf Tempo 66 abgebremst. Ob auch der Güterzug vor dem Unfall auf der eingleisigen Strecke gebremst hat, müsse noch ausgewertet werden. Laut Bericht hatte der Mann zwei Signale ignoriert.

Die Deutsche Bahn will nun nach eigenen Angaben mehr eingleisige Strecken mit moderner Sicherungstechnik ausstatten. "Da ist Handlungsbedarf", sagte Bahn-Chef Rüdiger Grube in der ARD. Der Konzern wolle alle eingleisigen Strecken analysieren und - wo nötig - den Einbau eines automatischen Bremssystems aus eigenen Mitteln finanzieren. Er wolle nicht auf Bundesministerien warten, sagte Grube. Der Lokführer des Güterzugs, der bei dem Unfall Prellungen und einen Schock erlitt, äußerte sich bisher nicht zu dem Geschehen. "Er hat den Status des Beschuldigten. Er muss sich nicht äußern", sagte Oberstaatsanwältin Niemann.

Mit einem schnellen Ende der Ermittlungen sei nicht zu rechnen, die Analyse der Fahrtenschreiber der Züge und weiterer Beweismaterialien könne Monate in Anspruch nehmen. Die Salzgitter AG bestätigte unterdessen Informationen der "Bild"- Zeitung, wonach der Güterzug mit zweistündiger Verspätung unterwegs war. "Das ist ein normaler Vorgang, der mit der DB Netz abgestimmt war", sagte Konzernsprecher Bernd Gersdorff. Der 2700 Tonnen schwere Zug der Salzgitter-Tochtergesellschaft VPS war in Blankenburg mit Kalk beladen worden und sollte über Magdeburg nach Salzgitter fahren.