Kachelmann-Prozess

Auf den Spuren des Messers

Wer das "CSI"-Team liebt, der weiß, dass Rechtsmediziner und ihre Mitarbeiter mitunter gefährlich leben, zumindest in Hollywood. Da sind schon mal riskante Experimente nötig, um die mögliche Entstehungsgeschichte rätselhafter Verletzungen nachzuvollziehen. Keine reine Fiktion, erfährt die Öffentlichkeit nun durch den Fall Kachelmann.

Mit Rainer Mattern erlebte das Mannheimer Gericht am 25. Verhandlungstag erneut einen Gutachter, der im Bemühen, die Hintergründe der angeblichen Vergewaltigung zu erhellen, in die Vollen ging.

Um zu klären, ob die Verletzungen des mutmaßlichen Opfers Claudia D. selbst erzeugt wurden oder tatsächlich von Jörg Kachelmann stammen, musste sogar die 63-jährige Ehefrau des Heidelberger Rechtsmediziners dran glauben. Er drückte ihr mit ziemlicher Heftigkeit ein Messer an den Hals, um sich dann die Spuren zu anzusehen. Auch betupfte er, wie er vor Gericht im Zeugenstand referierte, sein Knie mit Fingerfarbe und drückte es seiner Gattin dann mit einiger Anstrengung zwischen die geschlossenen Schenkel. Denn so, seine Annahme, könnten die einigermaßen symmetrischen, großen Hämatome auf den Oberschenkelinnenseiten entstanden sein. Eine Mitarbeiterin ließ Mattern sich mit den Fingernägeln am Hals kratzen. Und ein Messer gab er ihr mit nach Hause, verbunden mit der Bitte, sich mit dessen Klingenrücken so stark wie vertretbar an der Kehle zu schaben. Die Fotoaufnahmen, die Mattern präsentierte, zeigten eindrucksvolle Spuren.

Allein, alle Bemühungen des 65-jährigen Heidelbergers brachten wenig: Er könne weder mit Gewissheit sagen, dass die blauen Flecken an den Schenkeln und die Abschürfungen am Hals durch Fremdeinwirkung entstanden seien, sagte Mattern. Noch lasse sich zweifelsfrei belegen, dass die 37-Jährige aus Schwetzingen sich selbst misshandelt habe, um Kachelmann eine Vergewaltigung in die Schuhe zu schieben. Zwar betonte Mattern, die "Befunde", ließen sich in Einklang bringen mit dem von ihr geschilderten Tatgeschehen. Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn bewertete die uneindeutige Expertise in einer Prozesspause dennoch klar: "Das Gutachten ist kein Baustein im Gebäude der Anklage."

Die Aussage des 65-jährigen Experten war mit Spannung erwartet worden. Es war Mattern gewesen, der Claudia D. nach der fraglichen Nacht als erster und einziger Rechtsmediziner untersucht hatte. Die Gutachten seiner Kollegen, die von der Verteidigung ins Verfahren eingebracht wurden, stützten sich im Wesentlichen auf die Fotos, die Mattern an diesem Morgen des 9. Februar angefertigt hatte. Wie er jetzt dem Gericht darstellte, hat Mattern Claudia D. sogar im November ein weiteres Mal einbestellt. An diesem 12. November, jener Prozesspause also, in der Kachelmann seinen Anwalt ausgetauscht hatte, nahm der Wissenschaftler nicht nur die alten Verletzungsstellen in Augenschein. Er habe die Nebenklägerin sogar "überredet", ihr das Originaltatmesser an den Hals halten zu dürfen. Dabei wollte Mattern vor allem sehen, wie die Klinge in Relation zu den einstigen Schürfwunden vorn am Hals passte. Claudia D. habe dem Experiment zwar zunächst zugestimmt, sei aber "sofort in Tränen ausgebrochen, sie begann zu zittern, ihre Stimmlage kletterte in die Höhe", so Mattern. Der Mediziner brach die Sache ab und behalf sich mit dem per Computertomografie erstellten Querschnitt eines Halses, den er im Internet gefunden hatte. Auf dieses Bild montierte er das angebliche Tatmesser, um zu zeigen, wo die Klinge denn tatsächlich auf Haut und auf Widerstand getroffen sein mochte. Mit "gewissem Widerstand" war die Nebenklägerin dann aber noch bereit, sich selbst mit der Faust auf ihre Schenkel zu schlagen und sich dabei fotografieren zu lassen. "Ich muss bei allem mitmachen, sonst glaubt mir doch keiner", habe Claudia D. das Experiment kommentiert, so Mattern.

Auch der aus dem Verfahren entfernte Gutachter Bernhard Brinkmann hatte für seine Expertise durchaus ambitionierte Untersuchungsmethoden angewandt - und hatte aus seinen Befunden wesentlich eindeutigere Schlüsse gezogen. So hatte es der Bielefelder als wahrscheinlich angesehen, dass die blauen Flecken an den Schenkeln durch Faustschlag entstanden waren. Wegen solcher Festlegungen hatte die Staatsanwaltschaft schließlich gegen Brinkmann einen Befangenheitsantrag gestellt, und das Gericht hatte ihn als Gutachter entlassen. Nur als sachverständiger Zeuge durfte er seine Untersuchungen noch schildern. Mattern bemühte sich jetzt, die von Brinkmann vorgetragenen Argumente zu entkräften.

Trotz der Vorbehalte, die Mattern immer wieder äußerte, war die 5. Große Strafkammer von den Befunden offenbar so beeindruckt, dass sie statt einer Pause hinter verschlossenen Türen beriet. Bei der Rückkehr sagte der Vorsitzende Richter Michael Seidling, das Gericht habe "Neuerungen gehört, die umfangreicher waren, als wir erwartet haben".