Zugunglück

Die Züge rasten ungebremst aufeinander

Waggontrümmer, Rettungskräfte, schweres Gerät: Am Tag nach dem tragischen Zugunglück bei Oschersleben bietet sich an der Bahnstrecke westlich von Magdeburg noch immer ein dramatisches Bild. Verbogene Wrackteile, zerfetzte Sitze, blaue Mülltüten und Decken liegen am vereisten Bahndamm herum. Polizei und Feuerwehr sichern bei zweistelligen Minusgraden die Unfallstelle unweit des Bahnhofs Hordorf.

Ermittler von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft suchen nach Spuren, um Ursache und Hergang des Unglücks aufzuklären. Bis zum Morgen sind die Toten fortgebracht worden, die zum Teil lebensbedrohlich Verletzten werden in den Krankenhäusern der Region versorgt. Doch die Abdrücke ihrer Körper sind im Schnee noch klar zu erkennen.

Es herrschte dichter Nebel, als bei dem offenbar ungebremsten Frontalzusammenstoß eines Güterzuges mit der Regionalbahn am Samstagabend gegen 22.30 Uhr zehn Menschen starben. Unter den Todesopfern sind der Führer des privat betriebenen Harz-Elbe-Expresses (HEX) sowie die Zugbegleiterin. 23 der etwa 40 Passagiere wurden zum Teil lebensbedrohlich verletzt. Es ist eines der schlimmsten Bahnunglücke in Deutschland seit vielen Jahren. Vor allem junge Leute und auch ausländische Gäste saßen in dem Personenzug, der sich auf dem Weg von Magdeburg nach Halberstadt befand.

Von den Schienen geschleudert

Am Sonntagmittag ist das Technische Hilfswerk mit fast 50 Rettern und zehn Fahrzeugen im Einsatz, um den Zug wieder aufzurichten. Der Triebwagen und der Anhänger waren von der gewaltigen Wucht des Aufpralls aus den Schienen auf das benachbarte, schneebedeckte Feld geschleudert worden. "Wir wollen sichergehen, dass niemand mehr unter den Zugteilen liegt", erklärt der Magdeburger THW-Einsatzleiter Mirko Kültz. Daher setzen die Techniker vor allem Hebekissen, die bis zu 130 Tonnen bewegen können, Seilwinden und Lkws ein. Sie müssen langsam vorgehen, falls doch noch ein Opfer gefunden wird. In der Nacht zuvor haben die THW-Helfer bereits mit mächtigen Scheinwerfern das Feld ausgeleuchtet, damit die Rettungskräfte ihre Arbeit machen können.

Was das Unglück auf der eingleisigen Strecke ausgelöst hat, ob es technisches oder menschliches Versagen war, bleibt zunächst offen. Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU), der den Unglücksort am Vormittag besucht, vermutet, "dass ein Haltesignal überfahren wurde". Fest steht: Eine Ausweichstelle, die nur etwa 200 Meter entfernt liegt und an der einer der Züge hätte warten müssen, wurde tragischerweise und aus ungeklärten Gründen nicht genutzt. Nun analysieren die Ermittler die Fahrtenschreiber der beiden Züge und die Signaltechnik. Nach Angaben des Innenstaatssekretärs Rüdiger Erben (SPD) hat das Signal für den HEX-Zug auf Grün gestanden.

Der Lokführer des Güterzugs - der wohl wichtigste Zeuge des Unfalls - wurde zwar nur leicht verletzt. Er steht aber unter Schock und macht nach Aussagen der Polizei zunächst keine Angaben. Der endlos lang erscheinende Güterzug der Verkehrsbetriebe Peine-Salzgitter (VPS), der Kalk geladen hatte, steht nur wenig beschädigt auf dem Unglücksgleis. Beide Züge seien mit etwa 80 Stundenkilometern unterwegs gewesen, sagte ein Polizeisprecher, beide Züge wurden von privaten Anbietern betrieben. Für Gleise und Stellwerke ist indes die Deutsche Bahn AG (DB) zuständig.

Die Wucht des Aufpralls muss ausgesprochen stark gewesen sein. Noch in kilometerweiter Entfernung hörten die Anwohner den unheimlichen Knall, der um 22.24 Uhr durch die Nacht dröhnte. Den weit über 100 Helfern, die schnellstmöglich am Unglücksort eintrafen, bot sich ein furchtbares Bild: Der Regionalzug war bis zum vierten Fenster hin zerfetzt worden, manche der 40 bis 50 Passagiere liefen orientierungslos und hilflos über das Gelände. Dazu war es neblig und bitterkalt. Aus dem ganzen Großraum Magdeburg kamen Rettungskräfte zum Einsatz, fieberhaft kämpften sie sich im Wrack voran, um Verletzte zu retten und Tote zu bergen. Der Nebel war dabei so dicht, dass kein Rettungshubschrauber fliegen konnte. Die Identifizierung der Toten war äußerst schwierig, weil viele Passagiere keine Ausweispapiere dabei hatten. Um den Überblick nicht zu verlieren, stellten Sanitäter Nummern aus Pappe auf die mit Folien bedeckten Leichen.

Wenige Stunden später gaben Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann (SPD) und die Polizei eine erste Pressekonferenz. Hövelmann war blass. "Sie sehen uns alle sprachlos und geschockt", sagte er und sprach den Angehörigen sein Beileid aus. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) besuchte am Sonntagabend die Unglücksstelle und sprach den Verletzten und Hinterbliebenen sein Mitgefühl aus: Es sei "schrecklich, wenn möglicherweise bei einer Heimfahrt am späten Samstagabend sich ein solch schreckliches Unglück ereignet".

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich am Vormittag bestürzt. "Meine Gedanken sind bei den trauernden Familien, ihnen gilt mein aufrichtiges Mitgefühl." Sie vertraue darauf, sagte Merkel weiter, "dass alles getan wird, die Ursache dieses schrecklichen Unglücks aufzuklären". Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) übermittelte den Hinterbliebenen sein Mitgefühl.

In Hordorf gedachten am Sonntagnachmittag rund 40 Menschen der Opfer des Zugunglücks in einem Gottesdienst. Der Gemeindepfarrer Friedrich von Biela sprach von einem "schweren Tag" für die Gemeinde. Er war am Unglücksort selbst seelsorgerisch im Einsatz gewesen.