Grefrath

Das lautlose Leben des Olaf H.

Schwalmtal ist kein Ort, an dem man sich viel Gedanken über Psychologie macht. Das mag an der Landschaft liegen, an den satten Wiesen, den Kopfweiden, eine Landschaft, die selbst im Frühling niemals lieblich daherkommt, sondern immer eine gewisse Schwere hat, besonders am Abend, wenn der Nebel über den Feldern liegt.

Die Menschen hier am Niederrhein sind bodenständig, Bauern, Handwerker, Arbeiter und Angestellte, die einen bürgerlichen Traum leben, in dem Haus, Auto, Urlaub und Kinder die Hauptrollen spielen und vielleicht noch der Sportverein. Olaf H. war einer von ihnen. Olaf H., der Mörder von Mirco aus Grefrath. Der Mann, der den Zehnjährigen am 3. September in seine Gewalt gebracht, in einen Wald verschleppt und missbraucht hatte. Nach dem die Polizei in einer der größten Suchaktionen der Bundesrepublik zeitweise mit 1000 Polizisten gefahndet hatte.

Nicht, dass bei Olaf H. alles glatt gelaufen wäre, das zeigen schon die drei Ehen. Aber im Grunde schien nun alles im Lot zu sein bei dem 45-Jährigen. Er hatte gerade gebaut, kam gut mit seinen Kindern zurecht, und nach allem, was man bisher über ihn weiß, gab es auch keine nennenswerten Probleme in seiner Ehe. Am Wochenende sah man ihn den Rasen mähen, manchmal gab er den Nachbarskindern ein paar Süßigkeiten, wenn er sie traf, doch eigentlich fiel das keinem so richtig auf. Ehemalige Schulfreunde sagen, dass sie sich dunkel an einen Jungen erinnern können, dass ihnen der Name irgendetwas sagt, aber wie der jetzt war, was der so gemacht hat? Keine Ahnung. Sein Briefkasten war der gleiche wie der des Nachbarn.

Für den Geschmack der meisten zog er sich vielleicht zu sehr ins Private zurück: Er war kein Vereinsmensch, hatte keine nennenswerten Hobbys, drängte sich nicht den Nachbarn auf, erzählte nicht viel von seinem Job. Möglicherweise neigen die Menschen jetzt dazu, Olaf H. umzudeuten. Schnell wird jetzt schon eine Zurückhaltung verdächtig, wird zum Zeichen dafür, dass der Mensch, der eine monströse Tat begangen hat, auch ein Monster ist.

Spricht man mit dem Kriminalisten Stephan Harbort über Menschen wie Olaf H., wird deutlich, dass sie sich in den seltensten Fällen sonderlich hervortun. Ihr Leben hat eher etwas zutiefst Banales an sich, und ihr Verhalten auch nach der Tat ist nicht um Unauffälligkeit bemüht, sondern einfach nur unauffällig. "Wir haben ein Zerrbild von Kindermördern. Wir glauben immer, das sind die verschrobenen Einzelgänger, aber es gibt eben auch das genaue Gegenteil, Täter, die in Familien leben, die einem ordentlichen Beruf nachgehen, die bisher polizeilich nie in Erscheinung getreten sind", sagt Harbort.

Oft kommt es vor, dass diese Menschen nachher von zwei Welten reden, in denen sie gleichzeitig leben. Zwei Welten, die auch im Fall von Olaf H. keine Schnittmenge hatten. Zumindest bis vergangenen Mittwoch, als die Familie um sechs Uhr morgens vom Klingeln geweckt wurde und vor der Haustür eine Schar von Beamten stand. "Das ist die Soko Mirco", soll Olaf H. seiner Frau nur gesagt haben. Als er sich an diesem Morgen ohne Gegenwehr in den Polizeiwagen setzte, ließ er seine eine Welt in Trümmern zurück.

Wenn man in den vergangenen Tagen am Niederrhein unterwegs war, in Schwalmtal, wo Olaf H. lebte, in Grefrath, dem Heimatort von Mirco und seiner Familie, in Wachtendonk, wo Olaf H. die Leiche von Mirco ablegte, in Geldern, Kevelaer, Goch, wo er an jenem Septemberabend umhergefahren ist, dann gab es dort drei Gedanken, die die Menschen beschäftigten, über die sie miteinander in jedem Geschäft, an jedem Tresen, in jeder Mittagspause redeten: Da war zum einen die Erleichterung darüber, dass der Täter endlich gefasst wurde und Dankbarkeit gegenüber der Polizei. Wobei den Menschen hier durchaus bewusst war, dass das Konzept des leitenden Ermittlers Ingo Thiel und seiner Soko nicht ganz so wunderbar aufgegangen ist, wie es nun scheinen mag: So gab es schon vor der Festnahme von Olaf H. mehrere Tatverdächtige - die Rede ist von bis zu neun -, die von der Soko verhört wurden, die man aber wieder laufen lassen musste, weil sich der Verdacht bei ihnen eben nicht erhärtete. Außerdem war nicht etwa der Passat die entscheidende Spur, die zum Täter führte, obwohl das von Thiel mantraartig in den vergangenen fünf Monaten vorausgesagt worden war, sondern eine "technische Methode", auf die die Ermittler bisher nicht näher eingehen wollten.

Der Firmenwagen des Telekom-Mitarbeiters mit auswärtigem Nummernschild brachte letztlich nur die Gewissheit, dass sie diesmal wirklich den Richtigen hatten. Ob die Polizei den Wagen aber jemals zu Gesicht bekommen hätte, wenn die andere Methode erst später gegriffen hätte und der Wagen nach Russland verkauft worden wäre, ist mehr als fraglich. Doch es ist wohl so, wie Thiel am Freitag in der viel beachteten Pressekonferenz gesagt hat: "Wir haben uns das Glück verdient."

Zum anderen redeten die Menschen am Niederrhein aber wieder über Mircos Familie. Irgendwie war ihnen angesichts der Willkür der Tat, des Motivs "Wieder mal Ärger mit dem Chef" und des großen Gebiets, das Olaf H. an dem Abend auf der Suche nach einer günstigen Gelegenheit durchstreift hatte, bewusst, wie zerbrechlich ihr eigenes Glück gewesen war, wie leicht es ihr Kind an diesem Tag hätte treffen können.

Was die Menschen allerdings am meisten beschäftigte, worüber sich jeder Gedanken machte, war die Familie von Olaf H. Seine drei Kinder (17, 14 und zwei Jahre alt) und seine Frau. Und es waren keine Vorwürfe derart zu hören, dass sie offenbar nichts von seiner zweiten Welt mitbekommen hatten. Mitleidige Anteilnahme war das vorherrschende Gefühl bei den Menschen, wobei sich natürlich jeder fragte, wie kann man das nicht merken, wie kann sich ein Mensch so verstellen?

Harbort, der mit den Angehörigen von Serienmördern gesprochen und ein Buch darüber geschrieben hat, das weniger reißerisch ist, als der Titel "Ich liebte eine Bestie" vermuten lässt, sagt: "Die Angehörigen des Täters sind in den allermeisten Fällen auch Opfer. Wenn der Mann, den sie glauben, gekannt zu haben, plötzlich unter Mordverdacht steht, verlieren sie jeden Halt, sie sind vollkommen schutzlos. Zudem entstehen immense Kosten, die Familie wird dann in aller Regel einen sozialen Abstieg machen, was doppelt schwer wiegt. Man ist in einer Schockstarre, weil man auch überhaupt nicht weiß, wie es weitergehen soll. Man lebt dann quasi von Tag zu Tag. Man verkriecht sich. Das sind ganz, ganz schlimme traumatische Erfahrungen, die auch noch viele, viele Jahre nachwirken."

Die Familie von Olaf H. wird im Moment noch an einem geheimen Ort psychologisch betreut, am Haus sind die Rollläden heruntergelassen. Die Zeitungen der letzten Tage liegen im Briefkasten.