Kriminalität

"Es hätte jeden treffen können"

Der Tag, den Ingo Thiel und seine Sonderkommission Mirco seit Monaten herbeigesehnt haben, auf den eine ganze Region gewartet hat, beginnt mit Applaus. Als Hauptkommissar Thiel sich den Weg durch die wartenden Journalisten bahnt, bricht er einfach so heraus aus den Leuten. "Wir haben hoch gepokert. Wir haben gesagt, wir kriegen ihn. Ich darf Ihnen sagen: Wir haben ihn", sagt Thiel und dankt seinem Team.

Olaf H. sitzt seit Donnerstagabend in U-Haft, ihm wird unter anderem Entführung, sexueller Missbrauch und Mord an einem zehnjährigen Jungen zur Last gelegt, sagt die Staatsanwältin Silke Naumann. Er hat es der Polizei nicht leicht gemacht, das wissen alle hier, es war ein harter Kampf. Am Ende gestand er.

Missbrauch im Wald

H. war eine tickende Zeitbombe, sagt Thiel. Er sei ein Mann gewesen, der beruflich stark unter Druck stand und seinen Frust ablassen wollte. Am Abend des 3. Septembers 2010 sei der Frust besonders groß gewesen, wieder einmal sei H., der zum Zeitpunkt des Verbrechens Bereichsleiter der Telekom war, von seinem Chef "zusammengefaltet" worden. Und wieder einmal fuhr H. daraufhin ziellos durch die Gegend. Seiner Frau hatte er gesagt, er sei noch mit Kollegen unterwegs. H. fuhr den halben Niederrhein ab. Er kam nach Grefrath. Gegen 22 Uhr überholte er einen Jungen, der mit einem grünen Fahrrad auf dem Weg nach Hause war, nachdem er ein paar Kinder an einer Skaterbahn getroffen hatte, seine Mutter hatte ihn schon angerufen: Mirco.

Mirco hatte Pech, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war, es hätte jeden treffen können, sagt Thiel, Mädchen oder Junge, egal: "Mirco ist ein absolutes Zufallsopfer gewesen." Ebenbürtig hätte die Person allerdings nicht sein können. "Dieser Täterkreis ist auf der Feigheitsskala ganz oben anzusiedeln", sagt Thiel.

H. bringt den Jungen in seine Gewalt, er fährt mit ihm umher, irgendwann biegt er in ein Waldstück ein und missbraucht ihn. Nach allem, was die Polizei bisher weiß, hatte der Missbrauch kein sexuelles Motiv, H. ist nicht pädophil, Kinderpornos seien bisher bei ihm nicht gefunden worden. "Ihm ging es wohl darum, Macht über einen anderen Menschen auszuüben", beschreibt Thiel das Motiv des Täters, ein "Akt der Erniedrigung" sei das gewesen. Danach habe H. beschlossen, dass er den Jungen so nicht einfach nach Hause gehen lassen könne und ihn schließlich getötet, sagt Thiel: Nicht zur Befriedigung des Geschlechtstriebs soll H. den Jungen getötet haben, sondern um andere Straftaten - die Entführung, den Missbrauch - zu verdecken. H. legt den Jungen zwölf Kilometer vom Tatort entfernt ab. Wo genau, will Thiel nicht sagen, er sagt auch nicht, wie H. den Zehnjährigen getötet hat und in welchem Zustand die Leiche des Jungen war, als sie am Mittwoch schließlich gefunden wurde. Thiel tut das aus Rücksicht auf Mircos Familie. Fest steht: Es war außerhalb des Suchfeldes, das die Polizei immer wieder durchkämmt hatte. Nach der Tat wirft H. die Kleidung des Jungen weg und fährt nach Hause. Da ist es schon Morgen.

H.s Zuhause ist ein Einfamilienhaus in Schwalmtal. Seit 2006 lebt er hier mit seiner dritten Frau und zweien seiner drei Kinder in einem Neubaugebiet. Hinter dem Haus gibt es Wiesen und Felder und einen kleinen Fluss. Der Garten ist sehr gepflegt, "Gartenarbeit und seine Kinder waren sein Hobby", sagt Thiel.

Es hört sich an wie ein Klischee, aber H. lebte unauffällig. "Er hat seinen Bereich geschützt", sagt Thiel, der gut einen Kilometer entfernt von H. wohnt, in dessen Nachbarschaft auch Polizisten leben. Einer sagte der "Bild"-Zeitung, dass H. einmal meinte: "Ich hoffe, ihr kriegt das Schwein." Da war der Beamte gerade mit von den Maispflanzen zerschnittenen Armen von der Suche nach Mircos Leiche gekommen. Niemand in seinem Umfeld ahnte etwas von seiner Tat. Bis am Mittwoch die Polizei bei ihm klingelte, es war sechs Uhr am Morgen, die Familie schlief noch. Aus ermittlungstechnischen Gründen will Thiel nicht genau erklären, wie man H. letztlich auf die Schliche gekommen ist, wie er in den Kreis der Verdächtigen geriet. "Es war eine technische Methode", die die Soko auf seine Spur brachte, so viel ist sicher. Gewissheit, dass es sich bei H. um den Täter handelte, brachte allerdings sein Wagen. H. fuhr zum Zeitpunkt der Tat einen VW-Passat, der ins Raster passte. Ein Wagen, der zur Flotte seines Arbeitgebers, der Telekom, gehörte, und deshalb keine örtliche Zulassung besaß.

Es dauerte eine Zeit, bis die Ermittler den Wagen aufgespürt hatten, da in der Zwischenzeit der Leasingvertrag ausgelaufen war und der Wagen an einen Händler in Luxemburg verkauft worden war. Erst als die Soko den Autohändler ausfindig gemacht hatte und die Faserspuren an Mircos Kleidung mit den Sitzbezügen des Passats verglich, konnten die Beamten zugreifen. H. legte wenig später ein Geständnis ab, brachte die Fahnder am Nachmittag zu der Stelle, an der er Mircos Leiche abgelegt hat. Ja, er habe während der Verhöre Reue gezeigt, sagt Thiel. Auch habe H. sich zeitweise stellen wollen, um dem Fahndungsstress zu entgehen, "doch selbst dazu war er zu feige", fügt Thiel hinzu. Ein Onkel von Olaf H. sagte der Morgenpost: "Das war natürlich ein Schock, damit hat keiner in der Familie gerechnet." Um seine Familie kümmert sich die Polizei, das Haus steht leer, die Rollläden sind heruntergelassen.

9000 Hinweise aus der Bevölkerung

Nach einer der größten Suchaktionen in der Geschichte der Bundesrepublik, während der zeitweise 1000 Polizisten nach Mirco gesucht haben, nach mehr als 9000 Hinweisen aus der Bevölkerung schließt Thiels Soko zunächst die Ermittlungen ab. Ein Termin allerdings steht für das Team noch an: "Wir werden alle gemeinsam zur Beerdigung von Mirco gehen", sagt Thiel.

Die erste öffentliche Trauerfeier in Grefrath soll es am Donnerstagabend in der katholischen Kirche geben. Darauf habe man sich bei einem Gespräch mit der Familie vorläufig verständigt, sagte Pfarrer Norbert Selent von der freikirchlichen Christengemeinde Evangeliumshaus in Krefeld. Selent war am Freitag erneut mit den Eltern von Mirco zusammengetroffen. "Die Familie wird sich nun ein paar Tage zurückziehen", sagte der Geistliche. bei aller Trauer könne die Familie nun versuchen, nach dem Fund des Jungen mit der Situation allmählich abzuschließen. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) äußerte sich erschüttert über den Tod des Jungen. Dem Kölner "Express" sagte Kraft: "Ich habe versucht, mich in die Lage der Eltern zu versetzen, ich bin ja selbst Mutter. Diesen Zustand, dass man über Monate hinweg nicht weiß, was ist mit dem eigenen Kind, stelle ich mir unglaublich schrecklich vor."