Fernsehen

"Wetten, dass..?": Gutachten entlastet ZDF

Es gibt gewisse Klarheiten im Fall von Samuel Koch. Zu den Klarheiten gehört, dass der 23-Jährige mit Sprungfedern an den Füßen über fahrende Autos springen wollte, dass er durchtrainiert war und gesund.

Zu den Klarheiten gehört außerdem, dass Koch ein junger Mann voller Ehrgeiz war, der sich einem Millionenpublikum in Deutschlands größter Unterhaltungssendung präsentieren wollte. Und nun stelle man sich nur kurz vor, was passiert wäre, wenn Koch nach seinem Sturz einfach aufgestanden wäre, sich einmal geschüttelt und so in Gottschalk-Manier seinen Daumen nach oben gezeigt hätte. "Alles okay, Samuel?", hätte Thomas Gottschalk gefragt. "Alles klar!", hätte Samuel dann wohl gesagt und gelächelt.

Wahrscheinlich würde niemand mehr über die "Wetten, dass..?"-Sendung reden. Das ZDF und Gottschalk würden weitermachen wie bisher, und keiner würde sich daran stören. Niemand käme auf die Idee, dem Sender vorzuwerfen, er spiele mit dem Leben seiner Kandidaten, und Samuel Koch würde ein normales Leben ohne Behinderung bei bester Gesundheit führen. Auch wenn sich das nun ein bisschen zynisch anhört: Zu den Klarheiten gehört, dass Samuel Koch großes Pech hatte an diesem 4. Dezember 2010, dass sein vierter Sprung fehlschlug.

Was Millionen Menschen vor dem Fernseher live sehen konnten, bestätigt nun auch ein Gutachten des Biomechanikers Gert-Peter Brüggemann von der Deutschen Sporthochschule, das vom Sender in Auftrag gegeben wurde. Brüggemann ist der deutsche Spring- und Laufexperte, ehemaliger Turner, Mathematiker und Leiter des Instituts für Biomechanik und Orthopädie in Köln. Für sein Gutachten hat er das vorliegende Videomaterial gesichtet, die Sprünge analysiert und in einer Computersimulation rekonstruiert.

"Samuel Koch hat die Arme zu früh hochgerissen und dadurch nicht mehr die nötige Höhe erreicht", sagte Brüggemann am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Köln. Die Größe der Autos habe dabei keine Rolle gespielt, auch zusätzliche Matten hätten nicht geholfen. Zudem könne er technisches Versagen als Unfallursache ausschließen. ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut stellte noch ein zweites, internes Gutachten des Senders, vor. Eine Task Force, in die auch der Vater von Samuel Koch eingebunden war, dokumentierte, wie es zu der Wette gekommen ist. Auch hier kam man zu dem Schluss, dass Samuel Kochs Unfall eben ein Unfall war.

"Das Ergebnis relativiert nicht unsere Verantwortung, aber es zeigt, dass kein schuldhaftes Verhalten zu dem Unfall geführt hat", sagte der ZDF-Intendant Markus Schächter. Programmdirektor Thomas Bellut kündigte Konsequenzen an. So würden die Wetten in der Sendung nun strenger ausgewählt werden. Bellut zeigte sich selbstkritisch: Er sehe nun, was so alles an gefährlichen Sachen in der Show gelaufen sei, dabei sei das gar nicht notwendig. Statt besonders gefährlicher Wetten kämen die außergewöhnlichen Wetten à la "Bauer erkennt Kuh am Euter" beim Publikum ohnehin oft besser an.

Es gibt also in der Zukunft eine Punkteskala beim ZDF von null bis drei, wobei die "Bauer erkennt Kuh"-Wette wohl bei null läge und akrobatische, sportive Wetten wie die von Samuel Koch bei drei. Doch zwischen den Zeilen war auch klar, dass letztlich immer noch die Redaktion entscheiden muss, welche Wetten sie annimmt. Die nächste "Wetten, dass..?"- Sendung wird am 12. Februar ausgestrahlt, vorher erhält Thomas Gottschalk noch den Grimme-Preis für sein Lebenswerk.