RTL-"Dschungelcamp"

Wenn blonde Frauen sehr laut weinen

Vielleicht hätte sie auf ihre Agentin hören sollen. Sarah, hat die gesagt, überleg dir bitte zweimal, ob du ins "Dschungelcamp" gehen willst. Du bist doch als Model gut im Geschäft. Wir brauchen dich hier in Berlin, auf der Fashion Week. Du hast keine Kontrolle über das Image, das dir der Sender anhängt.

Es war ein kluger Rat. Doch Sarah Knappik, 24 Jahre, ein schüchternes Mädchen mit dünner Stimme, das 2008 zum ersten Mal im Schatten ihrer vorlauten Busenfreundin Gina-Lisa Lohfink in der Castingshow "Germany's Next Top Model" das Licht des Boulevards erblickte, ignorierte ihn. Und jetzt hat sie ein Problem. Millionen Menschen kennen ihr Gesicht. Blass. Doch es darf bezweifelt werden, dass ihr diese Popularität nutzt.

Sarah läuft im RTL-Dschungel von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" gerade zu Hochform in ihrer Rolle als Zicke auf. Sie ist launisch und kapriziös, egozentrisch und verlogen. Schon zum sechsten Mal in Folge haben sie die RTL-Zuschauer für eine "Ekelprobe" nominiert. Sarah soll Schlangen einsammeln oder pürierten Emu-Hoden herunterwürgen. Jeder Fauxpas wird bestraft: Ihre Mitstreiterin bekommt einen Stromschlag.

Aber warum gerade Sarah? Das Mädchen aus dem Ruhrpott scheint wie geschaffen für die Rolle als Opfer im Ekel-TV. Sie ist das Küken im Camp, hat zwar eine große Klappe, wirkt aber ein bisschen verloren neben Eva Jacob (67) oder Mathieu Carrière. Die sind Veteranen im Showgeschäft.

Man sollte meinen, als Profis hätten sie der Blondine einiges voraus. Doch das ist ein Irrtum. Die Sendung gehorcht einer Dramaturgie, die sich den Teilnehmern ebenso wenig erschließt wie die Rolle, für die sie gecastet wurden. Die Kandidaten sind nur Marionetten in diesem Spiel. Am Freitag wurde der Hochzeitsplaner Froonck Matthée per Televoting als Erster aus der Show herausgewählt.

Mehr als sieben Millionen Zuschauer sahen bisher die fünfte Staffel der Sendung. "Quoten-Rekord geknackt", meldete RTL. Dabei hatte die Show schon mal mehr Zuschauer. Für den Sender zählt allerdings weniger die Quote als der Marktanteil. Die Werbewirtschaft umgarnt die 14- bis 49-Jährigen, und mit über 40 Prozent lag der Marktanteil in dieser Zielgruppe noch nie so hoch wie jetzt. Und das ist in erster Linie das Verdienst von Sarah Knappik.

Die anderen Insassen im Camp, so scheint es, sind nicht gut auf sie zu sprechen. Sarah stiehlt ihnen die Show. Und die Zuschauer lieben es, Sarah dabei zuzuschauen, wie sie zittert, heult und sich mit immer neuen Ausreden für ihre Rückzieher in diesem bizarren Beziehungsdschungel verstrickt. Und verachten sie dafür. Doch wer ist die Frau hinter der Figur? Geboren 1986 in Bochum, Abitur, abgebrochene Ausbildung zur Werbekauffrau. Kandidatin bei "Germany's Next Top Model" (2008) und "Die Model-WG" (2010). Seit 2010 lebt Knappik in Berlin. Fest steht, dass momentan ein PR-GAU stattfindet, der wohl erklärt, warum ihr Manager seinen Namen auf keinen Fall in der Zeitung lesen will. Warum er am Telefon herumdruckst, wenn man ihn fragt, ob Sarah gut beraten war, nach Australien zu gehen. Ein Mädchen, das von Freunden als liebevoll und hilfsbereit, aber auch als "ein wenig verpeilt" beschrieben wird.

"Sarah ist jemand, der eine Betreuung benötigt", sagt Cathrin Weidner, 36, seit einem Jahr ihre Betreuerin bei der Berliner Agentur Rockstar Models.

Sie sagt, Sarah gehe es im Camp nicht gut. Sie möge sich lieber nicht ausmalen, wie Sarah erst reagiere, wenn sie, wieder zurück in Deutschland, die volle Wucht des Medienechos zu spüren bekommt. Wenn Sarah Pech habe, sei sie als Model am Ende "verbrannt". Doch dem Mädchen den Trip auszureden, wäre die Aufgabe des Managers gewesen. Der jedoch schweigt. Nur so viel lässt der Mann sich entlocken: Seit Sarah in den Dschungel gezogen sei, stehe sein Telefon kaum noch still. Er spricht von "einer interessanten Ausgangssituation".