Neues altes Leben

"Ich glaube, ich bin Carlina"

Am Schluss war es die kleine Enkelin, die für das Happy End einer Tragödie sorgte, die 23 Jahre dauerte. Im Jahr 1987 wurde in New York ein Baby entführt, und es dauerte fast ein Vierteljahrhundert, bis der Albtraum der Familie ein Ende fand.

Joy White heißt die Mutter, und zum zweiten Mal weint die Nation mit der Afroamerikanerin aus Harlem. Waren es 1987 Entsetzen und Mitleid, die den Amerikanern die Tränen in die Augen trieben, sind es dieser Tage Freude und Rührung über die Rückkehr ihrer Tochter Carlina.

Gerade neunzehn Tage alt war Carlina, als Joy White ihr Baby am 4. August 1987 wegen hohen Fiebers in eine Klinik in Harlem brachte. Eine Frau, die wie eine Krankenschwester auftrat, tröstete White. Die Mutter ging nach Hause, um sich auszuruhen. Als sie am Abend ins Krankenhaus zurückkehrte, waren das Kind und die vermeintliche Krankenschwester verschwunden.

Und sie blieben es, trotz einer groß angelegten Suchaktion, über die alle Medien groß berichteten. Die Behörden gaben irgendwann die Fahndung auf. Die Familie nicht. "Sie wusste immer, dass sie noch lebt", beschreibt Lisa White-Heatley, Joys ältere Schwester, die Hoffnung von Carlinas Mutter.

Carlina hatte inzwischen den Namen Nejdra Nance erhalten. Sie lebte nur 45 Meilen entfernt von ihren Eltern in Bridgeport im Bundesstaat Connecticut bei einer Frau, die sich Ann oder Agnotta oder auch Cassandra Pettway nannte.

Die vermeintliche Mutter sei drogen-abhängig und gewalttätig gewesen, sagt Nejdra beziehungsweise Carlina. Immer wieder hat sie das Mädchen, dessen Mutter sie zu sein behauptete, misshandelt. Ein Schlag mit einem Schuh hinterließ eine Spur im Gesicht des Mädchens, das damals von einer Model-Karriere träumte.

Bei Nejdra entstand frühzeitig das Gefühl, nicht wirklich zur Familie Pettway zu gehören. Niemand sah ihr ähnlich, und die "Mutter" antwortete auf Fragen ausweichend. Als 16-Jährige begann sie im Internet Websites über adoptierte Kinder zu durchforsten. An die Möglichkeit, Opfer einer Entführung zu sein, dachte sie da noch nicht.

Hoffnung auf Oprah Winfrey

Als das entführte Mädchen im Teenager-Alter schwanger wurde, bat sie wegen der anstehenden Behördengänge Pettway um die Geburtsurkunde. Die angebliche Mutter hielt sie immer wieder hin. Schließlich sagte sie Nejdra, sie sei "nicht ihre Mom", verweigerte aber weitere Informationen.

Daraufhin intensivierte Nejdra ihre Suche. Sie schrieb sogar an Talkmasterin Oprah Winfrey in der Hoffnung, in ihrer Show die Zuschauer um Hilfe bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern bitten zu können.

Die junge Frau zog mit ihrer Tochter, die inzwischen fast sechs Jahre alt ist, fort von Pettway und ließ sich in Atlanta im Bundesstaat Georgia im Süden der USA nieder. Sie surfte nun regelmäßig im Netz. Schließlich nahm sie Kontakt auf mit dem Nationalen Zentrum für verschwundene und ausgebeutete Kinder in Virginia. Dort stieß sie im Dezember auf ein Babyfoto, bei dem sie eine frappierende Ähnlichkeit feststellte - nicht mit sich selbst, aber mit ihrer eigenen Tochter.

Ein Mitarbeiter des Zentrums rief im Dezember Joy White an: "Wir haben vielleicht Ihre Tochter gefunden." Joy White erinnert sich: "Ich war gerade bei der Arbeit. Ich schrie auf und weinte und rannte die Treppe runter. Das war der reinste Wahnsinn."

Und dann kam der Anruf, auf den die Mutter seit mehr als 23 Jahren sehnsüchtig gewartet hatte: "Ich glaube, ich bin Carlina." Ein eigenes Babyfoto besaß die junge Frau nicht, doch sie schickte Joy ein Kleinkindbild von sich.

Sie habe schon beim Telefonat gewusst, dass sie ihre Tochter wiederhat, sagt Joy White heute. Auch die Polizei stellte die erstaunliche Ähnlichkeit zwischen dem Baby Carlina und dem Kleinkind Nejdra fest. Um sicherzugehen, ließ die Familie einen Beamten in Georgia eine DNA-Probe der Frau nehmen und mit denen von Joy White und Vater Carl Tyson abgleichen. Das brachte die endgültige Bestätigung.

Ob Pettway die falsche Krankenschwester ist, die das Baby einst entführte, kann Carlina, wie sie sich inzwischen wieder nennt, nicht sagen. Einem Journalisten der "New York Post", die zuerst über den Fall berichtete, sagte Pettway am Telefon, sie habe Nejdra lediglich "aufgezogen, und ich war eine gute Mutter". Die Polizei fahndet inzwischen nach der Frau, die zuletzt in Raleigh in North Carolina gewohnt haben soll. Angehörige von Pettway berichten, sie sei 1987, im Jahr der Entführung, schwanger geworden, habe aber ihr Kind verloren.

Am vergangenen Samstag traf sich die Familie White zur großen Wiedersehensfeier in New York. "Es ist wie ein Traum. Ich bin so glücklich. Und gleichzeitig ist alles so ganz neu. Es ist, als wäre ich noch mal geboren", sagt Carlina über den Moment, in dem sie erstmals bewusst in den Armen ihrer Mutter lag und den Vater küssen konnte, der sich vor Jahren von Joy White getrennt hat.

Die Mutter sagt: "Ich sitze hier und bin wie betäubt. Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet!" Der Entführerin hat Joy White in ihrem Glück aber nicht verziehen. "Ich wünsche ihr, dass sie leidet. Sie soll einige Zeit so leiden, wie ich 23 Jahre gelitten habe."