Bundeswehr

Meuterei auf der "Gorch Fock"

Nachdem ihre Kameradin Sarah Lena S. (25) im November aus der Takelage gestürzt und gestorben war, hatten viele Offiziersanwärter wohl einfach Angst, wieder die bis zu 45 Meter hohen Masten hochzuklettern. Andere wollten die "Gorch Fock" gleich ganz verlassen. Vier dieser jungen Männer wirft die Marine nun Meuterei vor.

Darüber informierte der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP), den Verteidigungsausschuss vor dessen jüngster Sitzung in einem Brief, der der Berliner Morgenpost vorliegt. Es seien von Amts wegen Ermittlungen aufgenommen worden, bestätigte ein Sprecher des Wehrbeauftragten.

Zuvor seien Informationen eingegangen, die belegten, dass auf dem Segelschulschiff "etwas im Argen" liege. In einigen Schreiben seien auch die "Möglichkeiten der anschließenden Trauerbewältigung an Bord" kritisiert worden, hieß es war. Mitte Januar war deswegen ein leitender Beamter des Wehrbeauftragten zu einem Informationsbesuch in die Marineschule Mürwik gefahren.

Dieser sprach mit Kadetten, die zum Zeitpunkt des Unfalls und auf dem vorherigen Törn auf der "Gorch Fock" eingesetzt waren. In den Gesprächen sollen die jungen Soldaten den Ausbildern massiven Druck vorgeworfen haben, sogar von Nötigung war die Rede. Seit langem gibt es die Kritik, dass Aufentern - also das Hinaufklettern in die Takelage - und Segelsetzen für die Ausbildung moderner Marineoffiziere nicht mehr notwendig seien. Derzeit wird das gesamte Ausbildungskonzept der Marine überprüft.

Die Offiziersanwärterin Sarah Lena S. war am 7. November 2010 während eines Aufenthalts im brasilianischen Hafen Salvador de Bahia bei einer Übung verunglückt und auf das Deck des Schiffes geprallt. Sie starb wenig später an den Folgen ihrer schweren Verletzungen. Die Ausbildung auf der berühmten Dreimastbark war danach vorübergehend ausgesetzt worden. Zwei dienstälteren Offiziersanwärtern sei die Aufgabe übertragen worden, "sich um ihre Kameraden zu kümmern und zwischen ihnen und der Schiffsführung zu vermitteln", heißt es in einem Brief, den Königshaus an die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Susanne Kastner (CDU), schrieb.

Die beiden jungen Männer hätten dem Ersten Offizier schließlich die Stimmung ihrer Kameraden mitgeteilt - daraufhin sei ihnen und zwei weiteren Kameraden "seitens des Kommandanten und des Ersten Offiziers mangelhafte Zusammenarbeit mit der Schiffsführung unterstellt worden." Außerdem sei eine Diskussion mit den Vorgesetzten entbrannt, inwiefern der Unfalltod auf dem Ausbildungsschiff mit dem Tod eines im Einsatz gefallenen Soldaten vergleichbar sei.

Alle vier Offiziersanwärter sollten zunächst wegen Meuterei und Aufhetzens der Crew noch vor dem Auslaufen der "Gorch Fock" aus der Ausbildung entlassen und nach Deutschland geflogen werden. Auch die Eignung zum Offizier sollte ihnen aberkannt werden. Zu Gesprächen sei die Schiffsführung nicht bereit gewesen. Nur die Entscheidung der Marineführung, die gesamte Ausbildung auf dem Schiff vorerst auszusetzen, habe die Situation nicht weiter eskalieren lassen, heißt es in Königshaus' Schreiben. Erst nach dem von oben verordneten Ausbildungsstopp sei angeordnet worden, die Ablösungsverträge zu vernichten.

Dem Schreiben des Wehrbeauftragten zufolge gibt es auf der "Gorch Fock" schon länger Spannungen zwischen Schiffsführung und Offiziersanwärtern. Demnach berichteten einige Kadetten von massivem Druck der Ausbilder hinsichtlich des - freiwilligen - Hinaufkletterns in die Takelage. Ihnen sei gedroht worden, bei einer Weiterung nicht mehr Offizier werden zu können. Es seien Sätze gefallen wie "Wenn Sie nicht hochgehen, fliegen Sie morgen nach Hause" oder "Wenn Sie das nicht schaffen, wie wollen Sie dann Menschen führen?"

Der Wehrbeauftragte führt in seinem Schreiben auch Hinweise auf Fälle von sexueller Belästigung auf. Ein Offizieranwärter habe beim Informationsbesuch des leitenden Beamten berichtet, dass er während eines Hafenaufenthaltes unter der Dusche von drei Soldaten der Stammbesatzung angesprochen worden sei: Es sei "auf dem Schiff ähnlich wie im Knast, jeder Neue müsse seinen Arsch hinhalten". Sie hätten eine Flasche Shampoo auf den Boden geworfen und ihn aufgefordert, sich danach zu bücken. Er habe Angst bekommen und die Dusche verlassen, heißt es. Den Vorfall habe er seiner Vertrauensperson gemeldet, die die Meldung an die Vorgesetzten weitergetragen habe. Seine Aussage sei aufgenommen worden und der Kommandant habe die Besatzung an der Pier antreten lassen sowie eine Belehrung ausgesprochen. Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums bestätigte, dass der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Axel Schimpf, eine Untersuchung innerhalb der nächsten Wochen durchführen werde. Verteidigungsminister, Wehrbeauftragter und der Bundestagsausschuss würden dann unterrichtet.